Erster Tag
Gestern im Zug rief ich die Bäckereien von Serra San Quirico an. Es gibt deren zwei in dem kleinen Ort vor den apenninischen Bergen und sie tragen denselben Familiennamen: Mattiacci. »Paneficio Luciano Mattiacci« die eine, »Paneficio e Pasticceria Mattiacci« die andere. Die eine Familie also bäckt nur Brot, die andere betreibt auch eine Konditorei. Wann ihr Laden am Morgen öffnen würde, fragte ich die beiden Frauen, die sich am Telefon meldeten.
Die Erkundung war geboten, weil wir das Hotel in Ancona schon vor sechs Uhr morgens und ohne Frühstück verlassen wollten, um den Zug um 6:05 Uhr mit Ankunft in San Quirico um 6:50 Uhr zu erreichen. Beide Geschäfte würden um 7:30 Uhr öffnen, erfuhr ich, aber nur der Forno mit der Konditorei hätte schon um diese Zeit Brot, Pizza und Salziges im Angebot, während der andere Brot erst ab neun Uhr und vorher nur Süßes offerieren würde. Logisch erschien das nicht, aber wir waren ja auch nicht zur Analyse von Handwerksbetrieben unterwegs. Wir wollten wandern.
Von Serra San Quirico sollte uns die Route nach Genga führen. Genga ist einer der Hauptorte des Regionalen Naturparks »Gola della Rossa e di Frasassi«, der sich mit Schluchten, Höhlen, spektakulären kulturhistorischen Bauten und hohen Bergen für eine erste Tagesetappe anbot. Doch gemach.
Die Zugfahrt aus dem heißen und noch nächtlichen Ancona nach S. S. Quirico ging schnell vorbei. Nach einer Dreiviertelstunde erreichten wir die Bahnstation, schritten über die Geleise und sahen vor uns jene Bar, deren Öffnungszeiten laut Internet so absurd wirkten, dass wir einen Fehler vermuteten: Von morgens um vier bis Mitternacht sollte sie offen haben — weswegen wir in unserer angenommenen Not auf die Idee mit den Bäckereien gekommen waren Wir nahmen draußen Platz, bestellten Kaffee und Croissants.
Ein Stündchen später waren wir bereits auf dem Weg. Ein herrlicher, lichtgesprenkelter Waldweg zog sich den Hang hinauf. An Bäumen sahen wir vor allem Stechpalmen, Stieleichen, Rotbuchen, Hainbuchen, Steineichen, Bergahorne, Akazien, Eschen. An Sträuchern bestimmten wir: Mäusedorn, Honigduftenden Rutenstrauch, Pfaffenhütchen, Seidelbast, Gewöhnlichen Perückenstrauch, Ginster, Wacholder, Baumheide, Klimatis. Der Pfad selbst war nicht dramatisch steil, aber doch hinanführend ohne Unterlass. Schließlich dehnte sich ein weiter Wiesenbuckel mit solitär stehenden Schwarzkiefern vor uns aus, Bläulinge schwirrten und ein Stückchen weiter hingen die ersten Schlehen am Busch. Bittersüß und fruchtig.
Die Sicht ging weit. In der nahen Ferne das Meer, das Hügelland als ein unermesslicher, dünn besiedelter Flickenteppich aus kleinen Waldtupfen und Felder teilende Alleen und Heckenlinien, aufgelockert vom Weiß und Sandgrau der Dörfer und Einöden. Unter einer Kiefer blieben wir sitzen, aßen ein paar Bissen Pizza aus dem Paneficio, die wir sozusagen als Geste der Höflichkeit noch gekauft hatten und ließen den warmen Wind über uns wehen.
An einer Feldstraße überholte uns ein Cinquecento. Eine Frau um die dreißig fuhr, ein Junge mit etwa zwanzig saß daneben. Beide blickten mürrisch – ihre Mienen verbanden sich mit den Abluftschwaden ihres Autos. (Italien hat die E-Autos nicht erfunden und es wird noch dauern, bis die E-Autos die Italiener:innen finden.) Schließlich wurde der Wald wieder dichter, auch etwas monotoner, dafür wuchsen schöne Tannen mit kräftigen Zapfen.
Am Ziel angekommen empfingen uns die ältere Wirtin und ihr junger Kellner in trauter Missgunst. Das Anwesen liegt an einer relativ stillen Verbindungsstraße, besteht aus einem großen Restaurant, einer Bar, einer Pizzeria und eben einem Hotel. Wer davon spricht, dass Niederbayern oder Oberpfälzer nicht die geborenen Gastgeber sind, war noch nie in dieser gebirgigen Gegend der Marken. Wir werden sehen und schmecken, welches Füllhorn sie uns beim Abendessen ausschütten.
Zweiter Tag
Er sei mit einer »Squadra« von 40 italienischen Freunden nach München gegangen, um zu arbeiten, sagt Stefano Emanuele. Es war damals, als EU-Bürger:innen noch Genehmigungen zum Arbeiten im Ausland brauchten. Er hätte eine Tätigkeit im Bayerischen Hof gefunden. Ich frage nach: Bayerischer Hof, das Luxushotel? Ja, sagt Emanuele, genau dort. In der Bar des Hotels sei er beschäftigt gewesen. Dann habe die Polizei die Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert und er ging zu zurück nach Italien. Zuerst in seine Heimat Bergamo, dann mit Frau und Töchtern in die Marken. Er sitzt mir auf der langen Veranda vor der Bar seines Restaurants gegenüber. Schon als wir ankamen, verschwitzt und durstig, war er mir aufgefallen. Sein etwas verborgenes Lächeln, sein freundlicher Blick, seine wuscheligen grauen Haare und sein verwuselter Bart ließen ihn wie einen Dauergast wirken, der den lieben langen Tag mit anderen Stammgästen totschlägt.
Woher wir kämen, fragte uns die Tischrunde der Stammgäste. Dass wir zu Fuß durch Italien unterwegs seien, nötigt ihnen kaum eine Kommentierung ab. Wohin wir wollten, hingegen schon. Wir hatten schon am ersten Tag festgestellt, dass unsere Wegstrecken durchweg zu lang und zu anstrengend sein würden. Ob es die Möglichkeit gäbe, uns ein paar Kilometer näher in Richtung unseres Tagesziels zu fahren, fragten wir. Die Runde blickte auf Emanuele. Der strebsame Kellner fühlte sich ebenfalls angesprochen und beeilte sich, darauf hinzuweisen, dass sonntags keine Busse führen und es auch keine Bahnverbindung gäbe. Emanuele hingegen murmelte, das wäre eine Aufgabe für einen seiner Freunde. Er wolle sehen, was er ausrichten könne.
Es war Gianni, der den Job übernahm. Vor dem Frühstück war der Mann in seiner Kombination aus Arbeits- und Freizeitkleidung mit dem Laubbläser unterwegs gewesen, um die Spuren des gestrigen Abendessens für 150 Gäste zu beseitigen. Anschließend hatte er die Blumentöpfe begossen und schließlich seinen Lieferwagen umgerüstet, um uns transportieren zu können. Konkret hieß das, einen Plastikstuhl in den Laderaum zu stellen, um so einen weiteren Sitzplatz zu gewinnen. Alfred saß nun solitär zwischen Angelruten, Decken und sonstigem Kleinkram, während Hermann und ich vorne Platz nahmen. In San Vittore stiegen wir auf der Piazza aus, Gianni zeigte uns noch eine Brücke aus der Römerzeit und nach der Besichtigung einer ergreifend schönen romanischen Kirche mit Ursprung aus dem Jahr 1004 fanden wir den Wanderweg.
Was dann folgte, ist in der Kategorie »So anstrengend war es noch nie …« beheimatet. Der Pfad führte 600 steile Meter nach oben, Steigungswinkel 30 Grad. Ich hatte stellenweise die Sorge, nach hinten umzukippen. Schließlich hielten wir vor einer senkrecht aufsteigenden Felswand, deren Umgehung teilweise nur mit vormontierten Seilen machbar war. Später betraten wir eine große Wiesenfläche und der ganze Rest der Tour verschwand hinter der Erinnerung an den Aufstieg. Nein, halt, wir kamen durch ein aufgegebenes Kaff mit Namen »Case Meloni« in einer wirklich sehr verlassenen Gegend. Wir hörten weder Stimmen, noch sahen wir Autos, geschweige denn öffneten sich die Türen einer fiktiven Bar. Nur eine ältere Frau kreuzte den Weg, aber wahrscheinlich ist sie nicht mit italienischen Premierministerin verwandt.
Finalmente: Das Hotel heute ist ein Preziose, die Gaststätte für unser Abendmahl jedoch nicht mehr als der Appendix eines Tankstellenbüdchens. Hübsch funktional, mit transparenten Plastikbahnen gegliedert. Ihr Name »Pit stop« ist mir aus der Autowelt sowie der Mediengestaltung bekannt. Das Essen war okay und die Köchin trug nur wenige und absolut unaufdringliche Tätowierungen. Buonanotte.
Dritter Tag
Es ist sicher ungewöhnlich, sich bei der Berichterstattung über eine Wandertour in Mittelitalien an eine Regensburger Druckerei zu erinnern, doch gestern war der Anlass gegeben. Wir hatten das Städtchen Matelica am Vormittag nach einer schlafarmen Nacht verlassen. Zu hoch die Temperaturen, zu eng der Raum, zu stickig die Luft. Der Besitzer des Hotels nahm uns ein Stück in Richtung unserer Route mit, die durch schönen Buchenwald entlang eines Höhenzug führen sollte. Unter uns dehnte sich ein breites Tal aus, das zu beiden Seiten von hohen Bergen begrenzt wurde und an dem wir uns geografisch orientierten.
Durch den östlichen Gebirgsabschnitt, der ersten Bergbarriere des Apennin, waren wir am ersten Tag von Serra San Quirico nach Genga gewandert, erklommen bei San Vittore vom Fluss Esino aus den zweiten, parallelen Gebirgszug, folgten diesem in der Ebene nach Süden, erreichten Matelica, wandten uns wieder nach Westen und waren nun im Begriff, auch das zweite, breitere Gebirge zu kreuzen und weiter in Richtung Umbrien zu gehen. (Ein Fernblick liegt nahe: Bewegten wir uns weiter südwärts, kämen wir in die alte Universitätsstadt Camerino, dahinter würden sich die beiden Gebirgszüge vereinigen, die Berge höher werden und schließlich wären wir in den Abruzzen.) Waren es am Vortag viele prächtige Eichen, die am Weg standen, so überraschten uns heute die vielen Nussbäume. Eine Strecke mit eher milden Höhenunterschieden lag vor uns.
Hinter uns jedoch hatte sich der Himmel verdunkelt. Ein Blick auf die Wettervorhersage ließ für den späteren Tag Regen befürchten, der — versucht mal, mit der Zeit zu diskutieren — schon nach einer Stunde mit dicken Tropfen auf uns fiel. Im Schutz der Bäume eines Niederwaldes zogen wir die Schirme aus den Rucksäcken und harrten der weiteren Entwicklung. Sie war unangenehm. Nicht nur, weil uns der Regen flutete, sondern weil sich das leichte, zunächst weit entfernte Grummeln des Himmels schnell zu einem ernsten Gewitter auswuchs. Viele Blitze vor, hinter, neben und über uns, leiser und lauter Donner, in oft kurzen, auch knappen oder sehr engen Abständen, dazu das Wasser, das auf uns herunterprasselte. Wir standen wie starre Skulpturen neben krummen Eichen und ich dachte daran, dass es sehr ungerecht wäre, jetzt vom Blitz getroffen zu werden, weil ich ganz objektiv noch viel zu wenig Zeit mit unserer Enkeltochter verbrachte hatte.
Für die Elemente allerdings ist Gerechtigkeit keine Größe und Gnade kein Wort, so ergab es sich, dass der Regen plötzlich weniger wurde und wieder aufhörte. Dass unser Pfad sich in eine ausgewaschene Rinne verwandelt hatte, sei’s drum. Wir waren, froh, weiter gehen zu können und — durften staunen. Eine Art Panoramaweg mit leider doch begrenzten Ausblicken führte uns nämlich entlang einer Höhenlinie gut hundert Meter über einer felsigen Schlucht, deren dichter Buchenwald weit hinauf bis zu den Bergkuppen reichte. Die Feuchtigkeit des vorher gefallenen Regens hatte sich in Form von Nebel über das Land gelegt, seine Zungen, Arme, Kissen, Finger, sein Vorhang folgte seiner physikalischen Notwendigkeit. Schließlich setzte sich die Sonne durch, es wurde wieder heiß und da erschien ganz unten in einem großen Topf, in den die umgebenden Berge fielen, tief gelegen und fast irreal wirkend, eine Industrieanlage mit einem Dorf.
Ich hatte noch nie von einem Ort namens Pioraco gehört. Wohl aber von von der Papierfabrik Fedrigoni. Seit 1979, so lange die wunderbare, an Mitbewerbern gemessen kleine, für mich sehr großartige Druckerei Kartenhaus Kollektiv in Regensburg bestand, war ich mit allen meinen Druckprojekten Kunde des »Kartenhauses« gewesen. Weil der selbstverwaltete Betrieb gut arbeitete, hohe Ansprüche an die Qualität seiner Erzeugnisse stellte, nahm es nie Wunder, dass Papier, wie von der Fabrik Gmund aus Oberbayern, zum Einsatz kam, Recyclingpapier mit dekorativen Einschlüssen, Papier aus ambitionierter und hochwertigster Machart und eben auch schöne Papiere von Fedrigoni aus Italien. Fedrigoni bestach damals, als die Papierfabriken noch Geld hatten, auch durch seine originellen Werbematerialien, die manchmal an Kunstpublikationen erinnerten.
Ein steiniger, rutschiger Pfad führte uns zum Boden des Topfes hinunter. Wir hatten ein umweltzerstörtes Ambiente erwartet, hingegen standen wir in einem Schaustück bewegter und bewegender Natur. Die Ausstattung: Wasserfälle, Gischt, Stromschnellen, nassglitzernde Blätter, Licht, ein klatschendes Rauschen und moosige Felsen, über die wir auf Holzstegen und robusten Treppen stiegen. Natürlich weiß ich, dass das Verhältnis Papierfabrik und Wasserlauf eher von Feindschaft als Freundschaft gezeichnet ist. Ich ahne auch, dass der Fluss unterhalb der Fabrik kein ökologisches Faszinosum sein muss. Aber das Schauspiel des Wassers vor seinem industriellen Einsatz hier in Pioraco ist eine Art Mahnung: ›Bewahre mich — denn denke dir, ohne mich bist du nichts.‹
Wir verbrachten unsere anschließende Pause in der Bar »Laila« von Pioraco. Unsere nasse Kleidung hing über den Stühlen draußen, die Freunde begutachteten den Getränkeschrank der Bar auf der Suche nach alkoholfreien Biersorten. Beim Aufbruch mutete unsere Kleidung schon wieder trocken an. Dass der weitere Weg nochmals eine Art »Himmelsgeschenk« werden würde, davon wird in der nächsten Notiz die Rede sein.
Vierter Tag
Es gibt im biografischen Roman von Horst Stern »Mann aus Apulien«, in dem er seine Version des Lebens von Friedrich II. erzählt, einen kurzen Abschnitt über Franz von Assisi. Der Heilige begegnet einem Wolf und sie reden über das Verhältnis des Menschen zu den Tieren. Ich las das Buch schon zweimal; Horst Stern war nicht nur ein grandioser Journalist, sondern auch ein sehr guter Schriftsteller und ich fühle mich oft an diese spezielle Lektüre erinnert, wenn ich Darstellungen oder Bildnisse des Franz von Assisi erblicke. Vor allem natürlich das besagte klassische Motiv der Zwiesprache mit dem Wolf. Auch auf unserem Weg von Pioraco nach Sefra erschien die Szene an einer Mauer auf der gegenüberliegenden Seite des Flüsschens, dem wir folgten.
Franziskanischer Weg lautet der Name der Strecke, auf der wir unterwegs sind. Ein klassisches Flusstal in den Bergen, das mich bisweilen an den Lauf der Ilz im Bayerischen Wald erinnerte. Genauso abgeschieden, genauso beglückend in der Wahrnehmung besonderer Lebensräume und reizvoller Arten.
Die acht bis zehn Hunde, die in vergitterten Kästen kurz hinter Pioraco ihr Dasein fristen, würden den Begriff »Franziskanischer Weg« eher höhnisch als religionsromantisch auffassen und ich überlegte mir, was geschähe, würden wir die Türen der Verschläge knacken, um die Türe freizulassen. Wir mischten uns damit in das Treiben von Hundezüchtern ein. Charaktere, die ihre Mitgeschöpfe für seelenlos halten. Schließlich gehen wir mitleidig weiter, aber die Blicke der Hunde vergesse ich nicht. Eng neigen sich die Berge in Pioraco aneinander, vor Sefra weitet sich das Flusstal, dann wachsen die grünen Wände erneut zusammen. Der Franziskanische Weg läuft noch etliche Kilometer weiter.
Wir haben uns für zwei Tage in Sefra einquartiert, »Da Faustina«, wie die gastronomische Einrichtung nach ihrer Chefin heißt. Von Anfang unserer ›Zu Fuß in Italien‹-Touren an legten wir am fünften Reisetag einen Ruhetag ein, so auch gestern. Schlafen, Lesen, Schreiben, Erholen, Essen, Trinken. Mehr stand nicht auf dem Programm.
Es gibt noch zwei weitere Themenwege, die wir kreuzten oder denen wie ein Stückchen folgten, weil unsere Route entsprechend lief:
Il Cammino dei Cappucini (Der Kapuzinerweg).
Er führt von Fossombrone über Aquarella und Camerino nach Ascoli Piceno. Die Idee dahinter ist die Suche nach dem Geist des heiligen Franziskus auf den Spuren der Kapuziner. Kurz hinter Borgo Tufico, unserem zweiten Quartier, trafen wir zwei Pilger auf dem Weg nach Norden. Sie wirkten auf uns wie zwei Priester auf Wallfahrt, von Ihnen erfuhren wir von dem Weg.
Il Camino nelle terre mutate (vielleicht: Der Weg der veränderten Erde) hat ein anderes Anliegen.
Er wird beschrieben als »eine Reise im Zeichen der Solidarität und des Lernens, eine Gelegenheit, eine tiefe Verbindung zur Natur und zu den Menschen herzustellen, die an den vom Erdbeben betroffenen Orten leben«. 2009 bebte die Ede in der Gegend von L’Aquila in den Abruzzen, über 300 Menschen kamen ums Leben. 2016/17 ereigneten sich neue Erdbeben weiter im Norden und richteten in den Sibellinischen Bergen, in den Gebirgsgegenden des nordöstlichen Latiums und den östlichen Marken bis weit nach Norden viel Leid an. Dort verloren ebenfalls über 300 Menschen ihr Leben.
In der Covid-Zeit wählte ich mit dem Auto eine alternative Route in die Abruzzen. Nach Cesena bog ich nach Süden ab, wollte über Perugia, Foligno und Norcia nach Castellucio und dann weiter über Campotosto nach L’Aquila. Nicht nur, dass viele Straßen gesperrt waren, mich irritierten und erschütterten die immensen Schäden, die ich in einem riesigen Gebiet der Marken sah. Abgelegene Orte in dünn besiedeltem Land, das schon vorher große Probleme mit der Landflucht hatte. Als Symbole der Zerstörung genannt seien die Dörfer Arquata del Tronto, Accumoli und Amatrice, auf denen kaum ein Stein auf dem anderen bleib und die faktisch von der Bildfläche verschwanden.
1985, bei unserem allerersten Aufenthalt in den Abruzzen waren Karin und ich durch Amatrice gefahren. Mir ist noch die Szene vor Augen, als auf einer Piazza ein weißes Tuch gespannt war, das als Leinwand für die abendliche Filmvorstellung dienen sollte. Heute wandern wir durch jene Schicksalsgegenden und nehmen kaum wahr, was damals passierte, würde es nicht solch hervorragende Konzepte von Tourismus und Öffentlichkeitsarbeit geben.
Sechster Tag
Schlimm waren die Bremsen (Tabanidae).
Über das eine Flusstal schrieb ich bereits. Vor Sefra, vorvorgestern, wo es nach der Ilz und dem Bayerischen Wald aussah. Gestern, das muss ich hier noch anfügen, erinnerte der Weg an andere Landschaftsräume. Wie diesen: Durch den Buchenwald hinauf zum Lago Vivo in den Abruzzen, wo sich die schief gewachsenen bemoosten Buchen an die Kalkfelsen klammern, als trügen sie ein Gefecht aus, wer am Ende stärker ist, die Zellulosefiguren des Urwaldes oder die Kalkmonolithen des Gebirges. Und, nochmals in den Abruzzen, wie den anderen: Der Weg in der Schlucht von Celano, am Ende des tiefen Einschnitts, kurz vor dem Wasserfall der Verliebten, da, wo wir wieder aus dem Schlund heraussteigen und wissen, dass uns nun eine Stunde Schweiß und Muskelschmerz erwarten (und im Frühjahr auf halber Höhe ein wildes Beet von Sonnenröschen), wo es steil ist und die Buchendecke von Schwarzkiefern abgelöst wird, bis dann noch ein Stück weiter oben wieder die Buchen und schließlich auch ein kleiner Haselnusswald kommen.
So ähnlich wirkte die Landschaft auf uns, durch die wir stiegen. Zuerst in aller Bescheidenheit ein mäßiges Heben der Füße, dann oft ein Umgehen von Felsen, bisweilen ein anstrengendes, aber nur halbes Moment des Sichemporhebens, bis zur sicheren Gewissheit, dass uns der weitere Vormittag die Durchsteigung einer Schlucht abverlangt, die wir so nie geplant hatten. Aber – was wären wir, durchquerten wir Italien in seiner Mitte, würde uns das mehr als Schweiß abverlangen. Die Umgebung war grandios, was viel wichtiger war.
Es gesellte sich allerdings ein Phänomen dazu, das zunächst mit schwenkenden Halstüchern und rotierenden Stöcken vertrieben, dem mit schnellem Schritt entflohen werden sollte. Durch die Schlucht rasend, den vermeintlichen Wolken von Stechinsekten ausweichend, nicht aufgebend, fluchend, jammernd und schließlich, nach der Erkenntnis, dass es die Norweger:innen mit ihren Gesichtsmasken allemal besser haben als wir, vorläufig kapitulierend. Wir blieben stehen, stellten uns für zwei Minuten den Bremsen, die sich auf unsere nackten Unterschenkel stürzten, holen die langen Hosen, den Anorak, aus dem Rucksack, wanden Tücher um unsere Gesichter und legten den weiteren Aufstieg dergestalt vermummt zurück.
Bis zum Pass ging die wilde Tour, und dass vor der absoluten Höhe jemand seine Missachtung der Georgia Meloni auf ein Schild im Wald geschrieben hatte, nahmen wir hin, ohne uns darüber Gedanken zu machen. Der Abstieg fand später in vorwiegend offener Landschaft statt. Ohne quälende Fluginsekten, in den Temperaturen angepasster Garderobe. Denn ich schrieb noch nicht, dass wir gestern und heute die heißesten Tage der fünften italienischen Hitzewelle ertrugen.
Nach diesem langen Vorspann nur ein kurzer Hauptteil: Es macht Freude und schafft Begeisterung, durch diesen Teil Italiens zu wandern. Als Teilzeitabruzzese ist sind für mich die Abruzzen nach wie vor gelobtes Land. Es ist das wilde Herz Italiens und damit genau das, was ich mir vom ›Bel paese› immer zu entdecken wünschte. Aber der westliche Teil der Marken und vor allem Umbrien sind das grüne Herz des Landes. Für uns Deutsche kaum vorstellbar, wie grün. Tiefe Wälder, weit in ihrer Ausdehnung, kaum besiedelt. Sicherlich, auch wild, weil die Landwirtschaft hier kaum zu Rande kommt. Und weil eine Flurbereinigung hier keine Chancen hat, außer, sie würde Mondlandschaften schaffen oder die Berge asphaltieren wollen.
Wir wollen gleich zum Essen. Deshalb nur noch eine Anmerkung: Heute morgen wollten wir Weg sparen (eben asphaltierten) und stellten uns gegenüber des Hotels zum Trampen auf. Das zweite Auto hielt und nahm uns zwei Drittel der abzukürzenden Strecke mit. Dann hielten wir nochmals den Daumen über die Straße und das erste Auto hielt. Das erste Auto war ein Elektroauto oder mindestens ein Hybrid, das zweite ein normaler Van, aber beide Fahrer die Freundlichkeit in Person. Wir waren noch freundlicher. Klar, oder?
Siebter Tag
Bisher erinnerte unsere Tour, was die Qualität der Übernachtungsquartiere betrifft, an einen Zickzackkurs. In der einen Nacht ein schönes, manchmal sogar ein traumhaftes Quartier, in der nächsten eine Absteige. Dazwischen lag und änderte sich nichts. Vorgestern allerdings kam so viel Gutes zusammen, dass ich darüber berichten will.
Am Ende einer langen und wie an allen Tagen anstrengenden Tour (die Hitze, die Höhenunterschiede) fanden wir Zuflucht in einem winzigen Dörflein namens Camorro. (Um ja nicht in die sprachliche Nähe der organisierten Kriminalität zu geraten: Camorro spricht sich an seinem Wortende mit O, nicht mit A.)
Im Winter, sagte Giacomina, lebten dort noch vier, fünf Menschen, im Sommer ein paar mehr. Giacomina ist die Besitzerin des B & B ›Castello del Sole‹, das in einem alten Steinhaus am Ende der oberen Straßen untergebracht ist. Sie war früher Lehrerin, ihr Mann Polizist bei der Gemeinde. Ihre Tochter lebt in der Findhorn Community in Schottland, was uns beim andertägigen Frühstück beschäftigte, denn, wie es sich herausstellte, kennt die Tochter eine Frau, die ebenfalls in Findhorn lebt, mit der ich in den Nullerjahren in den Abruzzen zusammenarbeitete. Diese betreute damals den Botanischen Garten des Gran Sasso Nationalparks und brachte mich mit dem Nationalparkdirektor Dario Febbo zusammen. Jedenfalls mussten wir uns nicht als Grüne, Linke oder Avantgardisten outen, denn jene Haltungen waren an jenem Frühstückstisch vorausgesetzt.
Noch sind wir aber beim Abend unserer Ankunft und, ich deutete es bereits an, wir sollten uns nicht zu spät im Nachbarhaus einfinden, weil dort das Essen auf uns wartete.
Wir hatten nach einem Restaurant in jenem Dorf bei Google gesucht, fanden aber nichts. Zum Glück gibt es das, dass Einrichtungen durch das dichte Netz von Google schlüpfen. Es ist eine Art privates Hausrestaurant, wird von einer Frau namens Marialuisa geführt und trägt den Namen ihrer Eltern: »Adelmo e Tirina«. Die beiden sind an der linken Hauswand mit einer Zeichnung verewigt, die 86jährige Mutter lebt noch, ist körperlich eingeschränkt und wohnt seit Covid bei ihrer Tochter. Eine Vielzahl von kleinen, mittleren und größeren Katzen treibt sich vor dem Haus herum, sie dürfen aber nicht hinein, weil dort die Promenadenmischung eines Hundes regiert.
Wir waren pünktlich, kamen gleichwohl zu früh, weil Marialuisa noch am Salat schnitt. Wir nahmen vor dem Haus Platz, ein paar hohe Zedern schränkten die Aussicht ein, was angesichts der nun aus dem Haus gereichten Speisefolge sehr egal war. Wichtig vielleicht noch: Unter den Zedern befindet sich der Marialuisas Gemüsegarten und nicht das ganze Mahl, doch ein erheblicher Teil der Produkte stammen von dort.
Kleine Schälchen wechselten ab mit größeren, Töpfchen mit Schüsseln, Teller mit Körbchen oder Brettchen. Als Antipasti zunächst marinierter Knoblauch, dann Peperoni sotto olio, Knoblauchstängel, ebenfalls in Öl, Ricotta vom Schaf, eine Art Beeren von der Zichorie (gibt es das überhaupt?) in Öl, Bruschetta mit einer Mischung von verschiedenen Wurstbrätsorten. Dann kam eine Brennnesselsuppe auf den Tisch, eine Frittata mit wildem Fenchel, Pistazien und kleinsten Nudeln, Pancetta (Speck) mit Balsamicoessig, Kartoffeln, kleine Bohnen mit Gerste, Wildsalat. Schließlich noch eine wunderbare Crostata mit Zwetschgenmarmelade und zum Abschluss Kaffee. Ich vergaß sicher ein Gericht, das macht nichts, denn der Rotwein war Bindeglied und insgesamt geht es darum, das Ganze zu genießen und sich nicht an Details aufzuhängen.
Am Nachbartisch aßen übrigens die Mutter der Köchin und auch ihre Pflegerin, sowie eine Frau, die mehrmals in Richtung der Piazza entschwand und wiederkam. Was sehr schön anzusehen war, denn der schwankende Gang der blonden, etwas fülligen Frau wirkte en gros wie ein Schiff in blauem Kleid, das zuerst in das Licht der Straßenlaterne hinein und dann wieder heraus tauchte. Vermutlich eine Nachbarin. Sie trug auch eine tolle, große, modische Brille.
Wir verließen den Ort gestern Morgen sehr wehmütig, nach dem Frühstück und mit allerlei guten Wünschen ausgestattet, indem wir einfach am »Castello del Sole« vorbei dem Waldweg folgten.
Achter Tag
Das nächste Ziel, Poreta und die Villa del Cardinale, erreichten wir am Nachmittag, nach einer ausnahmsweise kürzeren Strecke bergab. In der gebotenen Knappheit: Es war eine schreckliche Station, doch am Kardinal lag es nicht, der amtierte bereits im 17. Jahrhundert.
Neunter Tag
Ob wir Feigen oder Brombeeren am Wegesrand pflückten? Die Antwort braucht kein Nachdenken. Wir fanden kaum Feigenbäume entlang unseres Weges, weil die Gegenden weitgehend menschenleer waren, durch die wir wanderten. Auf unseren früheren Reisen wuchsen die Feigenbäume in Gärten und an Grundstücksgrenzen, sie hingen über Zäune und Umfriedungen. Wir richteten uns balancierend nach oben aus, standen auf Zehenspitzen, verrenkten uns, um sie zu ernten.
Fragt nicht, wie die Rechtslage in Deutschland ist, ob Obst, das sich über ein Gartenzaun und über das Trottoir dehnt, gepflückt werden darf. Fragt noch weniger, wie es sich in Italien verhält. Jedenfalls labten wir uns in diesem Jahr fast ausschließlich an Brombeeren. Oft mit der Gefahr verbunden, in die Fänge der fürchterlichen Dornen zu geraten. Die Hand ein oder zwei Zentimeter tiefer in den Busch gestreckt, bedeutete, sich mit dem Schal, dem Hemd, dem Rucksack, der Hose zu verhaken und hängen zu bleiben. Weitergehen aber wollten wir nicht. Die Verlockung der wilden Früchte war stärker.
Es gab saure und süße Brombeeren, vertrocknete, überreife und noch rote, pralle und verschrumpelte, kleine und große, mattschwarze und glänzende. Manche leuchteten uns entgegen, meist die glänzenden, manche versteckten sich vor uns. Nach einem eher kargen (italienischen) Frühstück waren Brombeeren die verzögerte Veredelung der ersten Mahlzeit des Tages.
So wanderten wir mit schwarzen Fingerspitzen durch ein fast menschenleeres Italien. Im Gegensatz zu früher erschreckte uns fast nie unvermutetes Hundegebell. Dafür wünschen wir uns meist vergebens, dass im nächsten oder übernächsten Dorf eine Bar für uns geöffnet sein würde. Doch das nächste Dorf war entweder schon seit langem verlassen oder existierte nur mehr als Ruinen.
Zehnter Tag
Vorgestern kamen wir durch einen Wald, der in seiner botanischen Ausstattung einem mediterranen Urwald entsprach. Er wuchs an einem fast senkrechten Steilhang südlich von Forca di Cese empor und fiel in eine tiefe Schlucht. Keine Forststraße, kein befahrbarer Waldweg erreichte ihn, nur der enge Pfad, auf dem wir schritten. Wegen dieser Lage ist das Holz kaum zu ernten, was wohl der Grund für seine Entwicklung und Erhaltung ist.
In Ferrentillo wollten wir den Rest der Strecke mit dem Bus weiter und fragten vor der Bar nach Haltestelle und Abfahrtszeit, was angestrengte Blicke und Erkundungstelefonate der Anwesenden provozierte. Im kleinen Park gegenüber der Bar saßen gut 20 Männer, die Karten spielten. Meist ältere Semester, wenige Junge. Wir holten uns in der Bar Getränke, setzten uns an einen freien Tisch. Ein älterer Herr sprach uns an. In Villingen bei Kienzle habe er gearbeitet. Parkuhren zusammengebaut. Gute Erinnerungen an Deutschland. So verging eine Stunde Warten auf den Bus mit Schwelgen in seiner Vergangenheit. Später im Bus sprang die Temperaturanzeige zwischen der gekühlten Luft drinnen und der schwülheißen draußen hin und her: 26 zu 37 Grad.
Elfter Tag
Der Apennin liegt im Osten. Um im Westen anzukommen, mussten wir das Bergland verlassen. Nahmen zuerst Kurs auf das Städtchen Marmore mit seinen berühmten Wasserfällen, als eine Art Mini-Niagara in Umbrien. Zuvor ging es das Flusstal der Nera entlang, dann kam ein steiler Anstieg durch den Laubwald bis hinauf zu den Souvenirbuden, Verkaufsständen und Grillstationen des Eingangsareals der Wasserfälle. Wir querten die Bahnlinie und nahmen für ein halbes Stündchen Platz vor einer Bar in der Hauptstraße. Genossen den Vormittagsimbiss: Dunkles Schokoladeneis, Espresso, die gelbe Crodino-Brause in möglichst großem Glas, aufgefüllt mit Eiswürfeln und Wasser.
Gegenüber an der Hauswand erinnerte eine Potpourri aus Steintafel, Lorbeerkranz und Infokasten an Historisches. Auf meine Frage hin brauchte der Wirt drei Anläufe, zu erklären, an wen oder was gedacht werden solle. Ob ich den Alimentari-Laden meine – der wäre geschlossen. Nein, es ginge mir um die steinerne Tafel, sagte ich. Er wirkte ein wenig ratlos. Zum Glück wusste die Frau, die am übernächsten Tisch Platz genommen hatte, Bescheid. Erinnerung an den zweiten Weltkrieg. Zwei Partisanen. Über achtzig Jahre ist es her, dass die beiden starben. Die Geschichte verflüchtigt sich. Es ist auch ein elender Spagat in einem halbwegs vereinten Europa, in dem die Gegner von damals, die zuerst Kampfgenossen waren, dann Feinde wurden, heute einen Löwenanteil des gegenwärtigen italienischen Tourismus stellen, die gegenwärtigen Beziehungen adäquat zu ordnen.
Wieder ging es den Berg hinauf, schattig und holprig, heute noch und morgen, dann würden wir am Ziel sein. Rechts eine Abzweigung mit einem Tor aus blechernen Platten. Mir liegt es nahe, darin ein Kunstwerk zu sehen. 2020 waren wir in einem Hotelzimmer in Montecassino untergebracht, dessen großes, blindes Fenster einem Gemälde von Turner ähnelte. Das heutige Blechtor ist zeitgemäßer, könnte eine Installation sein, sicher nicht von Richard Serra, aber vielleicht von einem oder einer der Wilden aus der Saatchi Gallery in London. Das Licht fällt durch das Blattwerk der Bäume, changiert auf dem unebenen Metall. Farben schimmern, die provozierende Konstruktion gehörte in ein Museum für solche Funde. Vielleicht neben der ebenso riesigen Verkehrstafel in Bugnara in den Abruzzen, 2020 gesehen, welches sich in eine vertikale Landschaft von Flechten verwandelt hatte, aber immer noch im Groben anzeigte, welche Abzweigung nach Sulmona führt.
Weiter und wieder hinunter. Weiter unter dem Laubdach, das Buchen, Hainbuchen und Steineichen bilden. Bis Stroncone mit seiner wunderschönen Silhouette auftaucht. Bevor wir im Ort stehen, geht es zuerst auf den Grund der Stroncone umgebenden Senke und dann auf einem schmalen Eselspfad mit groben und losen Steinen wieder hoch. Unser Quartiergeber holt uns am Platz an der Strada del Coppe ab. An der Rezeption hängt ein großes Schwarzweiß-Foto von Al Pacino, Roberto De Niro und Martin Scorsese. Italo-America in einem belgisch geführtem B&B.
Zwölfter Tag
Am nächsten Tag ist uns bewusst, dass sich unsere kurvige Skala der Auf- und Abstiege auspendeln wird. Vor uns liegt der letzte Höhenzug des Apennin, dann läuft das Land zum Tyrhennischen Meer hin flach aus. Über dem Dorf Poggio (Poggio di Orticoli) signalisiert ein Fußballplatz, dessen Tore aus wild wucherndem Gestrüpp herausragen, das Ende der Natur und den Beginn kultureller Aktivitäten. Zwei Ortsteile von Poggio gibt es: das alte Dorf oberhalb und den neuen Ort an der Hauptstraße unten. Wir sehen in Google Maps, dass dort eine Bar liegt, die gestern Ruhetag hatte und heute geöffnet sein würde. Wir beschließen, dort einzukehren, um nochmals der Sonne auszuweichen. Schatten wird für den Rest der Strecke ein Fremdwort sein.
Es gibt an italienischen Türen, die Gäste oder Besucher:innen durchschreiten (möchten), unterschiedliche Formen und Inhalte, den sich Nähernden zu signalisieren, dass Wünsche oft nur aus Träumen bestehen. Zettel, auf dem »Torno subito« (»Komme gleich zurück«) steht, der von der Sonne so verzogen ist, dass seine Anbringung vor einer langen Zeitspanne erfolgt sein muss. Oder das gefürchtete »Lunedì chiuso« (»Montag Ruhetag») vor Gaststätten. Oder, dass Kirchen, Museen und Läden, zwischen 13 und 16 Uhr geschlossen sind, gerade dann, wenn der deutsche Urlauber knapp nach dem Urlaubsfrühstück zum Kulturgiro aufbrechen möchte. In unserem Fall lag die Sache nachvollziehbar einfach: »Chiuso per ferie« (»Betriebsurlaub«) stand da, von gestern an bis nächste Woche. Wir blickten sehnsüchtig und durstig durch die große Scheibe, an der die handgeschriebene Botschaft hing und wurden der Stille im Inneren gewahr. Nur der Zigarettenautomat vor der Türe rackerte sich ab. Sicher die Kühlung, damit der Tabak nicht vertrocknet.
Wir beschlossen, unsere Gastgeberin anzurufen und sie zu bitten, uns abzuholen, setzten uns in den Schatten und wussten, dass eine wunderbare Unternehmung zu Ende ging. Vor langer Zeit, so schien es uns, waren wir in Ancona gestartet, hatten den Apennin auf sehr eigenen Routen durchquert, waren tagelang in und durch Wälder gelaufen, hatten wenige Menschen getroffen, aber ein besonderes Stück Italien kennen gelernt. Uns über jeden Brunnen gefreut, viel, viel, viel Wasser getrunken und noch mehr geschwitzt. Die Sonne war unsere Begleiterin und ihr Licht, das durch das Blattwerk der Bäume schien. Hatten kaum Vögel, fast keine Schlangen, außer einer kleinen, keinen Wolf, keinen Bären gesehen. Immerhin ein Fuchs querte unseren Weg. Es war die vierte Reise dieser Art und ob es eine fünfte gibt, steht in den Sternen.
Ach ja, die Sterne. Unsere Gastgeberin blickt bei Dunkelheit von ihrer Terrasse auf des Sternbild des Wassermanns. Darunter leuchten die Lichter von Otricoli und in der nahen Ferne liegt Rom. Und wenn wir uns umblicken, sehen wir jenen letzten apenninischen Bergzug, den wir heute überquert haben. Östlich von uns, wo die Ebene und das Hügelland aufhört. Es waren gute Tage.