FIKTIVES REISETAGEBUCH 2020

Badde Orca

GEHEIMNISVOLLES SARDINIEN

Olbia, Donnerstag, 7. Mai 2020 (erster Tag)
Er hört nicht auf. Er redet und redet und redet. Ein Stakkato. Er schlägt den Rhythmus seiner Worte auf das Lenkrad und stellt Fragen, die er selbst beantwortet. Und redet weiter. In der halben Stunde Fahrt von Oliena ins Valle di Lanaittu bin ich Hörer eines Exkurses über sardische Geografie und Ökologie. Was er erzählt, ist interessant, aber mir fehlen die Pausen, die imaginären Kommata und Gedankenstriche. Nicht einmal Schlaglöcher bremsen ihn und auch nicht den Jeep. Doch dann, mit einem Mal, ist er ruhig. Und still. So, als habe er in den dreißig Minuten alles referiert, was ihm auf dem Herzen liegt. Er sieht auf die Straße, die ein Feldweg geworden ist, schweigt. Dann geht sein Monolog in eine Unterhaltung über, in gedehnten, ruhige Sätzen. Ich kann jetzt nachfragen und mit ihm diskutieren.
   Sardinien ist mir unbekannt, eigentlich existiert es bis vor kurzem nicht für mich. Meine Bilder dieser Insel sind geprägt von dem grandiosen Film »Padre Padrone«, mit dem die Brüder Taviani den Roman Gavino Leddas »Mein Vater, mein Herr« auf Zelluloid bannen. Und da ist die Äußerung eines Freundes, der Anfang der Achtziger mit seiner Gefährtin dort Urlaub macht: »Es ist schwierig, dort unterwegs zu sein.« Mehr ist aus ihm nicht heraus zu bekommen.
   Nun bin ich an Ennio geraten, der mir im Osten der Insel die berühmteste Grotte Sardiniens zeigen will. Tiscali. Hier war einst eine Siedlung von Menschen in einer großen Höhle, die jedoch einstürzte. Übrig blieb ein weiter Krater mit Relikten der nuraghischen Kultur. Allerdings ist Ennio nicht mehr zu sehen. Er überlässt mich an der Kasse meinem Schicksal und einem Leitfaden aus verwaschenen Papier, in dem in mangelhaftem Deutsch Flora, Fauna und Systematik des naturhistorischen Ensembles erklärt werden. Ennio wartet am Ausgang der Höhle auf mich, bringt mich zu Freunden, die einen Souvenirladen betreiben und geführte Touren anbieten. Schließlich ist eine Grillstelle für uns vorbereitet, Wein in Plastikbechern und bescheidene Sitzgelegenheiten. Auch andere Gäste finden sich ein. Alles ist gewollt rustikal, der Bretterbau, der ein Agriturismo sein will, wirkt wie eine schnell umgebaute und verkleidete Holzhütte.  
   Um es vorweg zu nehmen, ich erfahre hier, wie ich es nicht machen werde. Tags darauf verlasse ich den Osten und das Gebirge, auch wenn Ennio immer netter wird, je länger wir zusammen sind. Ich will nicht an Lagerfeuern sitzen, über denen Spanferkel geröstet werden, von Menschen, die so tun, als pflegten sie eine jahrhundertealte Tradition, will keine Hirten treffen, die an seltsamen Orten Touristen hüten, will auch in Sardinien nicht dorthin gehen, wohin alle gehen. Ich will in den Westen der Insel, wo es mir in der Woche vorher besser gefiel. Es gibt dort kaum Hotels und auch wenige Restaurants, aber es scheint, als ließe sich der kaum entwickelte Tourismus in den Alltag integrieren, ohne das Leben auf den Kopf zu stellen.
   Die Reise entsteht und sie wird in immer neuen Variationen fortgeschrieben. Oft unwillkürlich und aus Neugier auf Anderes und Besseres. Ich wechsle das ursprüngliche Hotel in Bosa, weil ich das Haus in S. Caterina entdeckte. Lese in der ›taz‹ über die Fischerkooperative in Cabras und erinnere mich, dass mir Freund A. aus Volkach ein Exemplar der Zeitschrift ›Merum‹ geschickt hat, welches das Projekt beschreibt. Ich reserviere im Restaurant der Kooperative und bitte, ›Merum‹ folgend, man möge uns als Aperitiv eine ›Vernaccia di Oristano‹ servieren. Übernachte durch Zufall in S. Lussurgiu, komme, angeregt von dem Schokoladenkuchen zum Frühstück, mit der Inhaberin des ›Albergo diffuso‹ ins Gespräch, höre, dass sie Philosophin ist, sich mit der Natur beschäftigt, dem Präsidium von Slow food in der Arborea vorsitzt und buche sogleich für die Woche darauf ein Abendessen mit der Gruppe bei ihr. Finde eine Visitenkarte eines Agriturismo, erfahre, es sei der Betrieb einer Familie, die ihre eigene Landwirtschaft betreibt, die Küche werde gelobt. Verärgert über geänderte Flugverbindungen schlage ich einer Gruppe vor, zwei Tage früher anzureisen und sich auf ein Experiment einzulassen, den Maddalena-Archipel zu erkunden, ohne vorher dort gewesen zu sein. Ich variiere, verwerfe, ändere, erkunde, erfinde. Benötige ein Jahrzehnt, um zu spüren, in Sardinien angekommen zu sein.
   Heute, nach sechzehn Jahren, stehen wir an der Mole in Palau, warten auf unser Schiff nach Maddalena. Es ist eine wunderbare, altmodische Fähre und auch, wenn die Überfahrt nur fünfundzwanzig Minuten dauert, finden sich im Oberdeck eine Bar, gepolsterte Bänke und die Möglichkeit, die Reling entlang zu laufen. Der Blick auf Maddalena, den Ort auf der Hauptinsel, geht ins Detail, am Hafen wartet das Fahrzeug, das unser Gepäck zum Hotel bringt. Wir laufen die Stecke zu Fuß, über drei Plätze, eine uralte, ausgetretene Treppe, biegen scharf nach links, folgen der Küstenlinie, dann sehen wir rechter Hand und neben einem Granitfelsen, der einem Helm gleicht, unsere Herberge der nächsten Tage. Das Abendessen wird im Nachbarhaus aufgetragen. Willkommen auf der kleinen Insel vor dem großen Eiland.

Maddalena, Freitag, 8. Mai 2020 (zweiter Tag)
Fangen wir mit dem Busfahrer an, der uns von Maddalena (Hauptinsel) nach Caprera (Nationalpark-Insel) bringen soll. Er sagt, er würde uns fahren, müsse aber erst telefonieren, da die jetzige Zeit außerhalb des Fahrplanes sei. Dabei warten wir seit etwa zehn Minuten am (geschlossenen) Fahrkartenkiosk, neben uns steht eine verblichene Schautafel mit den regulären Zeiten, denen wir folgten. Ich weiß, es macht keinen Sinn, zu diskutieren, ob wir uns zu spät aufgestellt haben oder der Bus zu früh abgefahren ist. Wir sind in Italien, alle öffentliche und nichtöffentliche Administration besitzt sakrosanktes Ansehen. So richten wir uns darauf ein, eine Stunde zu warten, als der Fahrer durch die Scheibe winkt und »Steigt ein« signalisiert. Seine Geste erscheint uns als ein Geschenk südlicher Mentalität und wir fragen uns, ob es diese Flexibilität auch in Deutschland gäbe.
   In dem weißen öffentlichen Transportbus kurven wir durch die Straßen von Maddalena, nehmen die langen Mauern der ehemaligen US-Kasernen wahr, wundern uns über die Haltstelle an einem verlassen wirkenden Sportstadion in desolater Umgebung, bis wir schließlich über den Damm nach Caprera fahren. Transportabenteuer hin oder her — die Sinnlichkeit unserer heutigen Tour setzt nun ein, auch wenn die Haltestelle den missverständlichen Namen »Bivio Club Med« trägt. ›Bivio‹ heißt Abzweigung.
   Die Gegend ändert sich mit jedem Schritt, Zistrosen leuchten, Rosmarin duftet, die Macchia breitet sich aus, linker Hand blicken wir über das Meer zu den Nachbarinseln, ein Schwarm Bienenfresser fliegt von einem der Ölbäume auf und davon. Rechts schreit ein Esel, vor uns erheben sich riesige Granitwände aus der Vegetation. Das Licht erscheint klar und hell und die Sicht ist weit.
   Unter einer Steineiche warten wir aufeinander. Folgten wir dem Hauptweg, träfen wir im Inselinneren auf eine Hofanlage. Der Gründer des italienischen Staates, Guiseppe Garibaldi lebte und starb hier. Die abzweigende Strada bianca führt etwas erhöht und in angemessenen Abstand zum Meer durch eine Landschaft aus Felsen, niedrigen Sträuchern, sie steigt weiter an, ein Wald aus Schwarzkiefern erscheint, einzelne Felsformationen fügen sich zu einem Gebirgszug mit hohen Gipfeln, ein steinernes, vermeintlich plastisch wirkendes Bühnenbild entsteht. Rosa ist die Farbe dieses Granits, tagsüber liegt Grau darunter, abends dominiert Rot. Feldspat, Quarz und Glimmer wirken als oft glitzerndes, meist stumpfes, doch immer kristallines Konglomerat. Die hauchdünnen Plättchen des Glimmers sind messerscharf. Zögest du deine Finger über den Granit, verletztest du sie, schon ein leichtes Streifen raspelt Haut ab, färbt sie kurzzeitig weiß, danach rötet sie sich. Verwilderte Hausziegen klettern in den Felsen, sie sind wandernde Menschen gewohnt, ihre Fluchtdistanz ist gering. Streicheln lassen sie sich nicht.
    Aus der Strada wird ein Pfad, der mäßig steil abfällt. Mehrere massive Felsblöcke bieten Halt, dann erreichen wir einen Wegweiser aus Holz. Ein schmaler Steg überspannt einen dünnen Bach. Wir folgen ihm durch Ginsterbüsche und nach wenigen Minuten stehen wir in einer Felsenbucht. Alles ist wie im Bilderbuch. Dennoch gelangen wir nicht gleich ans Meer. Das Wasser des Bachs zog in guten Zeiten viel Blattwerk mit sich und warf einen kleinen Damm auf, welcher nun den Weg versperrt. Zumal sich vor dem Damm eine sumpfige Kuhle ausdehnt. Die Züge in unseren Gesichtern wirken ein wenig rätselhaft, bis die ersten Schnürsenkel gelöst, Schuhe und Strümpfe ausgezogen sind und der vermeintliche Sumpf sich als flache Feuchtstelle erweist.
   Das Bilderbuch liegt nun ausgeschlagen vor uns, seine linke Seite wird durch eine senkrecht fallende Granitwand begrenzt, in der Mitte erreicht die lange und glasklare Zunge des Meeres den Sandsaum, rechts breiten sich niedrige Steinblöcke aus. Wir rasten, schwimmen, lesen, essen, schlafen, schauen. Nicht nur, wer das erste Mal hier ist, empfindet die landschaftliche Vollkommenheit als überwältigend, auch Menschen, die hierher zurückkommen, sind beseelt. Unter und in unseren Schuhen ist Sand, als wir aufbrechen, doch ihre Haut empfinden die, die gebadet haben, als weich und frisch.
   Der Rückweg beschreibt einen Bogen um die Fortezza, wir passieren einen Fetzen Lorbeerwald und berühren die Früchte des Erdbeerbaumes. Nur langsam verlieren wir an Höhe, spazieren vermeintlich den Inseln und Inselchen des südlichen Maddalena-Archipels entgegen. Wir treffen auf die Steineiche und den Ölbaum, von dem die Bienenfresser aufflogen. Kurz vor der Steineiche übrigens entdecken wir in einer reizvollen Situation am Meeresufer eine Siedlung aus spitzkegeligen Häuschen. Der Zugang ist gesperrt, doch nach militärischem Sperrgebiet sieht es nicht aus.
   Es sind die baulichen Fragmente eines »Club Mediterranes«, der hier betrieben wurde und dessen Konzession nach Ausweisung der Insel als Nationalpark nicht verlängert wurde. An der Straßengabel liegt die Haltestelle. Der ausgehängte Fahrplan beschreibt präzise, wann der nächste Bus eintreffen wird. In zehn Minuten, heißt es. Wir zweifeln nicht daran. Es ist derselbe Busfahrer wie am Vormittag. Er begrüßt uns wie alte Bekannte, als wir in sein Fahrzeug steigen.

Maddalena, Samstag, 9. Mai 2020 (dritter Tag)
Als am 9. April 2009 morgens um halb vier in den Abruzzen die Erde bebte, wirkte sich die Katastrophe auch in Sardinien aus. Nicht in der Weise, dass Menschen ihr Leben lassen mussten, oder dass Gebäude zu Schaden kamen, wie in L’Aquila und Umgebung. Es schickte vielmehr ein Gebäude auf der Insel Maddalena in einen Dornröschenschlaf, aus dem es bis heute nicht erwachte.
   2007 entschied der damalige Ministerpräsident Italiens, Romano Prodi, der Weltwirtschaftsgipfel G8 im Jahr 2009 solle auf der Insel Maddalena in Sardinien stattfinden. In Rekordzeit wurde die Kanalisation auf Maddalena erneuert, ein aufgegebener Marinestützpunkt abgebaut, über 60.000 Tonnen Bauschutt abtransportiert, die Erde von belastenden Stoffen gesäubert und innerhalb zweier Jahre entstanden auf dem Gebiet der ehemaligen Arsenale u. a. zwei Luxushotels, ein Bootshafen und ein internationales Konferenzzentrum. Stararchitekt Stefano Boeri aus Mailand sprach von einem Wunder. Sogar die architektonische Position für das Gruppenbild der Staatenlenker von Barack Obama bis Angela Merkel war definiert.
   Es kam anders. Der Nachfolger von Prodi, Silvio Berlusconi, stellte sich Bilder vor, welche die Gegenwart in anderer Aktualität abbildeten. Er verlegte den Gipfel kurzerhand von Maddalena nach L’Aquila und die Vertreter*innen der großen Politik mussten in einer Polizeikaserne im Bergland anstelle in Suiten mit Meerblick übernachten. Für die Mandatsträger der kleinen Politik auf Maddalena brach eine Welt zusammen. Der Gipfel war ihre große Hoffnung, nachdem sich die Konversion des Militärstandortes Maddalena zum strahlenden Tourismuszentrum in die Länge zog und immer wieder unerwartete Schwierigkeiten auftauchten.
    Gestern schrieb ich von der Route des kleinen Busses, der quer durch die Hauptinsel hinüber nach Caprera braust. Auch die Kasernenmauern erwähnte ich. Weite Bereiche Maddalenas erinnern daran, dass die Insel bis 2007 einen der wichtigsten Militärstützpunkte Italiens abgab. Kurz vor der besagten Brücke zieht die Straße einen weiten Bogen um ein gesperrtes Geviert und hinter den Schranken und Toren liegt jenes Dornröschen, liegt der Stein gewordene G8-Komplex, der nie gebraucht, nie eröffnet und nie in Betrieb genommen wurde.
    Vielleicht wegen des Schocks erstarrte Maddalena in seiner Resignation. Die Brücke nach Caprera, auch sie wegen G8 erbaut, verbindet somit zwei gemäßigt ruhige Zonen. Den Hauptort, mehr ein größeres Dorf als eine Stadt und eine der schönsten Inseln des Mittelmeerraumes mit ihrem famosem Nationalpark. Während die Ruhe der Inselnatur gut tut, wünschen sich Bürgermeister und Geschäftsleute von Maddalena mehr Emsigkeit, mehr Dynamik. Reisende wie wir, die eher der Natur auf der Spur sind, als einem Überangebot von Eisdielen und Andenkenläden, wissen diese Bedingungen zu schätzen. Für uns ist die Dornröschenstimmung ein Glück. Für den Nationalpark auch, denn natürliche Sukzession entwickelt keine Herdenimmunität. Gleichwohl ist Glück keine feste Masse, es schwebt in flüchtigen Molekülen und wer weiß schon, wann die Verantwortlichen ihren schlafenden Schatz heben.
   Das Personal mancher Bar in Maddalena zumindest wäre soweit. Es hat sich auf Besucher*innen eingestellt, die ihren Espresso nicht stehend am Tresen, lieber in dekorierter Sitzrunde auf der Gasse trinken. Wer als Gast von der Theke vertrieben wird, weil die Wirte mit dem Standarderlös für Caffè nicht mehr zufrieden sind, sondern ihn mit Aufpreis draußen servieren möchten, weiß, dass er nicht mehr im italienischen Alltag unterwegs ist. Insofern steht Maddalena eine schwierige Gratwanderung bevor, denn die berühmte Smaragdküste, die ›Costa Smeralda‹ ist in Luftlinie keine fünfzehn Kilometer entfernt. Es ist dort nicht schöner als an den meisten anderen Stränden Sardiniens, nur zehnmal so teuer. Aber der Ruf! Die Magie! Im Paralleluniversum der Reichen und Schönen zu feiern, hat seinen Preis. Der Tribut wird gerne entrichtet, um — wenigstens für eine Pizza — in Porto Cervo dabei zu sein.
   Es gibt übrigens noch zwei faszinierend schöne Buchten auf Caprera. Zur einen, sagt R., ist es ein Stück Kletterstrecke, sie scheidet also aus für uns. Die andere liegt am Scheitelpunkt der Kurve, die den Weg durch die felsige Einsamkeit des Nordens wieder zurück zum ›Bivio Club Med‹ lenkt. Es geht durch Wacholdergebüsch, Pistazien und das Aroma des ewigen Rosmarins hinab und es gibt nur eine Einschränkung. Der Wind. Er sollte sich mäßigen. Denn die Felsen, die den Strand begrenzen, sind nicht hoch, sie schützen kaum vor starken Brisen. Ein schmales Landband verbindet die Küste mit dem Kalkstein und seiner goldenen Patina. Wer sich an das rechte Ufer setzt, überblickt die Bucht. Auf der linken Seite und über dem Wasser liegt Maddalena. Rechts ist das Wasser wegen submariner Vegetation grün, links ist es blau, doch wenn eben der Wind aufkommt (und der Wind bläst oft mit Verve) wird das Wasser grau und dunkel. Zum Glück gibt es die Gischt. Sie setzt den flachen, engen Wellen eine weiße Krone auf.

Capo Testa/S. Caterina, Sonntag, 10. Mai 2020 (vierter Tag)
Das Ganze retour. Zurück zum Hafen, auf das Schiff, zurück nach Palau. Dort wartet unser Reisebus mit dem Lieblingsfahrer Fabio und nach kurzer Strecke und wehmütigem Blick auf die Maddalena erreichen wir den ›Capo Testa‹. Er ist nicht der nördlichste Punkt Sardiniens, diesen Rang nimmt die ›Isola La Presa‹ ein, doch eine der wirkungsmächtigsten Landschaften der Insel. Direkt hinter dem Städtchen Santa Teresa Gallura fällt die enge, kurvige Straße zum Meer hin ab. Das Land verengt sich und weitet sich nach fünfzig Metern erneut, um eine zerklüftete Halbinsel zu bilden.
   Vorherrschend: der Granit. Mit schwerer Masse und melodramatischer Gestalt bestimmt das Urgestein die maritime Umgebung. Nicht, wie es noch vor wenigen Kilometern zu erleben war, im Binnenland, wo die Felsen aus der Macchia herauswachsen. Am Capo Testa gestaltet er im Zusammenspiel mit dem Wasser eine maßlos wilde Küste. Bildet Buchten, Flanken, Wände, Finger, Kugeln, Haufen, Batzen, Massive. Hält den Wellen, Rücken, Brust, Kopf, Arme und Füße entgegen. Duckt sich unter dem Sprühregen der Brandung, glänzt und glitzert für Sekunden, trocknet rasch, ändert Couleur und Tönung, zieht das Liquide ein oder weist es ab. Zerfurcht, aufgerissen, durchformt, abgeschliffen, geplatzt, abgetragen, in die Luft geworfen, davongeschwemmt. Granit verwittert wie ein Wollsack, wie es treffend heißt.
   Wenn bei Sonnenschein und trockener Luft die Sicht auf Korsika frei ist, grenzen sich drei Farben voneinander ab: Das Kreideweiß der korsischen Steilküste, sich darüber spannend das tiefe Blau von Meer und Himmel und das Grau des Kaps, das immer auch ein Beige, Gelb und Rosa ist.
    In diesen Tagen der Vorsaison ist die Besucherzahl überschaubar, stehen wenige Caravans und Motorräder an der hölzernen Straßenbalustrade, sind keine Kioske errichtet. Die Menschen, denen wir um diese Jahreszeit begegnen, sind andächtig unterwegs und langsam. Sie bleiben oft stehen, um zu schauen, um die winzigen Blüten des Reiherschnabels oder die großen weißen der Pankrazlilien zu betrachten, sie sinnieren ob der Konturen des Granits und interpretieren seine Formen. Anders ist es in der Hochsaison, wenn die Wege überlaufen sind, die Anzahl der Spazierenden sich in ihrem Lärmpegel und die Sensationserwartung an der Schrittgeschwindigkeit ausdrückt.
   Auf dem Weg in den Westen zum neuen Quartier halten wir noch vor dem Abzweig ins Bergland an einer kleinen Bar etwas oberhalb der Straße. Hinter dem Haus blüht, leider nicht in jedem Jahr, ein Passionsfruchtbaum. Der Caffè ist gut und heiß, das Eis hingegen nur aus der Truhe und Kuchen gibt es gar nicht. Egal — die vergangenen drei Abendessen mahnen hinlänglich ob des Quantums täglich verkraftbarer Speisen. Zudem wird es beim nächsten Stopp wie immer ein Glückspiel sein, die Bar geöffnet zu finden, obwohl »Santissima Trinità di Saccargia« gut für zuverlässige Frequentierung wäre. Sie ist eine der schönsten pisanischen Kirchen in Sardinien, steht einsam auf weiter Flur, das dazugehörige Kloster ist schon langem abgerissen. Der Kalksteinbruch gegenüber, aus dem die hellen Steine für Kirchenschiff und Campanile stammen, ist ein weiteres Zeugnis der Baugeschichte.
   Später am Nachmittag, umfahren wir die erloschenen Vulkane des Montiferru von Norden her. Die Westküste spiegelt das Sonnenlicht auf breiter Fläche, kerzengerade geht es durch das Weideland zwischen Bergmassiv und Meer dahin. Nach Macomer wachsen üppige Wälder mit Kork- und Steineichen, gelbes Rutenkraut leuchtet, Schweine und Rinder weiden in kilometerlangen Gärten. Das grelle Weiß der Wallfahrtskirche von Cuglieri markiert die Etappe der letzten fünfzehn Kilometer und schließlich erreichen wir unser Hotel am Sarazenen-Turm.
   Hoch ist das Haus nicht, warum auch, die Lage auf dem Fels über dem Dorf hebt es auf Horstniveau. Die Aussicht aus den Zimmern ist ebenso betörend wie das Panorama aus der Fensterfront des Restaurants. Jedes Frühstück, jedes Abendessen wird über das lukullische Ereignis hinaus von der Sicht in die Ferne beeinflusst. Ich bin es seit über zehn Jahren gewöhnt, mich staunend an den Tisch zu setzen und nie ist das sinnliche Erleben gleich.
   Allerdings: was ich zwischen Antipasti und Primo von Cinzia erfahre, als sie das Essen aufträgt, berührt mich auf andere Weise. Das sardische traditionelle Nudelgericht ›Malloreddus‹ mit geriebener Bottargha, Zucchine und Tomaten nämlich heißt im Hotel seit einigen Jahren ›Pasta Grabe‹. Ich hätte mich einst davon so sehr begeistert gezeigt und wiederholt danach verlangt, dass der Koch entschieden hat, es im internen Sprachgebrauch so zu nennen. Ich empfinde es als Ehre, will gerne auf diese Weise verewigt sein.
   Nachts ist der Wind vollkommen still, das Meer ein Spiegel und der Mond glänzt in der Bucht. Mir fällt ein Zitat ein, das ich vor zwanzig Jahren auf einer Biennale in Venedig gelesen habe: »E lo vedi è la vita.« Ja, das stimmt, das Leben ist so.

S. Caterina, Montag, 11. Mai 2020 (fünfter Tag)
   »È invidia. Es ist der Neid.«
Francos Erklärung für den Brandanschlag auf das Restaurant der Fischerkooperative ist knapp.
   »An den Wochenenden stehen manchmal vier, fünf Busse auf dem Parkplatz. Die Leute mögen, was die Fischer kochen. Und sie kochen gut, es kommen viele Gäste. Die Konkurrenz findet das schlecht. Sie ist neidisch.«
   Es beginnt mit einer Mail, die mich im Zug zum Flughafen erreicht. Es hätte gebrannt, lese ich, leider können sie uns am Montag nicht bewirten. Zuerst überfliege ich den Text, denke an ein Malheur in der Küche und frage mich, weshalb sie wegen eines defekten Herdes gleich das Lokal schließen. Dann lese ich nochmals, sehe ›incendio doloso‹, Brandstiftung. Ich schreibe zurück, drücke meine Fassungslosigkeit aus, nehme Anteil an dem Unglück, wünsche alles Gute und suche eilends eine Restaurantalternative.
   Die Sache mit dem Feuer ist nun etliche Jahre her, seither ist das Gelände nachts mit Flutlicht und Videokameras gesichert. Der Wiederaufbau gelang binnen Monaten und das Anwesen wurde schöner, als es vorher war. Der Olivenhain des Vorsitzenden der Kooperative allerdings braucht länger, um neu zu ergrünen. In der Folgenacht des Anschlags schnitten sie auch die Ölbäume des ›Presidente‹ um.
Franco ist aus der Gegend, er kennt die Mentalität. Er sagt:
   »Ihr kommt wieder, nächstes Jahr. Alle kommen wieder und essen dort, wenn es wieder steht. Die wissen selbst, dass es keine zeitgemäße Art ist, so gegen Mitbewerber vorzugehen.«
   In der Tat kommen wir wieder. Es ist fast ein Ritual, wenn ich mit der Gruppe vor der Tür der ›Pischera e Mar e Pontis‹ stehe und Efisio die Türe öffnet. Er lächelt kaum wahrnehmbar, drückt lange und fest sein linkes Auge zu, fragt ›Tutt’okay?‹, als wäre ich erst vergangene Woche dagewesen und zeigt uns unsere Plätze an der langen Tafel. Er weiß, dass ich das Restaurant über den Schellenkönig lobe und auch wertschätze, dass es eine Kooperative ist, die uns verwöhnt.
   Für Ornithologen ist die Sinis-Halbinsel ein Hotspot, seit einigen Jahren auch für Archäologen. Zwischen dem Capo Mannu im Norden und dem Capo S. Marco im Süden dehnt sie sich fast zwanzig Kilometer in der Länge und sechs Kilometer in der Breite aus. Ihre Lagunenlandschaft entstand durch Ablagerungen des Flusses Tirso, der bei Cabras ins Meer mündet. Schwemmland mit vielfältiger Vegetation, in der Mitte große und kleine Süßwasserseen, zum Meer hin lange und hohe Dünen. Dazu Sümpfe, Weiher mit Wechselwasser, temporäre Tümpel mit Salzwasser und die Mündungen des Tirso sowie weiterer Fließgewässer. Ideale Bedingungen für Zugvögel und Wintergäste, dazu Nistplätze für Wasservögel. Freilich sind im vergangenen Jahrhundert für die Landwirtschaft und im Zuge der Malariabekämpfung viele Wasser- und Feuchtflächen verschwunden, zudem wird ein Teil der Lagune durch die Fischerei genutzt. Auch ›unsere‹ Cooperative hat sich hier angesiedelt.
   Im großen See von Cabras (Stagno di Cabras) mit seiner Verbindung zum Meer wird ein besonderer Fisch kultiviert, die Meeräsche. Ihr Rogen wird gesalzen und getrocknet und kommt als »Bottarga di muggine« auf den Tisch. Entweder in dünne Scheiben geschnitten und mit Öl, Tomaten und Zitronen als Antipasto oder gerieben über Nudeln zu den Primi. Es liegt nahe, bei den Fischern von Cabras ebenso wie im Restaurant des Hotels Bottarga oder Muggine zu erwarten und zu genießen.
   Schließlich hält die Sinis eine weitere Kostbarkeit bereit. Zwischen Cabras und der Küste bei Mari Ermi, dort, wo die Dünen sanft in die Ebene abfallen, liegt eine bedeutsame archäologische Zone — die des Monte Prama. Schon in der Antike führte eine Straßenverbindung von Tharros nach Norden, und über den Gräber, die in der nuraghischen Hochkultur entlang der Straße angelegt wurden, wachten freistehende Großfiguren aus Sandstein. Es sind Kriegerstatuen, Ringer mit Schilden, Bogenschützen, dazu Modelle von Nuraghen. 1975 und 1977 begannen die Grabungen und seit 2014 wird eine Anzahl der Skulpturen im Museum von Capras ausgestellt.
   Unsere Wandertouren führen an zwei Tagen entlang der variierenden Küstenlinie der Sinis. Zunächst besuchen wir den ›Capo Mannu‹, das ›große Kap‹ im Norden, am letzten Tag laufen wir nach Süden. Winzige Quarzkiesel in unterschiedlichen Pastellfarben haben den Reiskornstrand von ›Is Arutas‹ berühmt gemacht. Natürlich ist es nicht gestattet, den Reis zu sammeln und mitzunehmen. Es kostet, wenn die Zöllner im Gepäck der Touristen nach den Steinchen suchen und fündig werden.
   Bevor ich es vergesse: Auch ich hoffe jedes Mal, wenn wir in Mandriola den etwas verlotterten Parcours zwischen Häusern und Meeresufer entlang gehen, etwas zu wiederzufinden. An sich ist es ja der ›Lungomare Mesu e Turris‹, aber er gleicht eher einem lang gezogenem Hinterhof. Ungefähr dort, wo eine Grünfläche Lungomare und Via Zinnibiri verbindet, liegt an einem der Häuser eine kleine Einfassung aus Terracotta. Aus ihr wächst ein Kapernstrauch und immer im Mai, wenn wir in Richtung des Leuchturmes zum Kap gehen, blüht er. Ich stehe dann davor, freue mich und weiß wirklich nicht, was es Schöneres geben soll, als diese Kapernblüte.

S. Caterina/Bosa/Cuglieri, Dienstag, 12. Mai 2020 (sechster Tag)
Zwei imponierende Straßen verbinden Alghero mit Bosa. Die eine führt an der Küste entlang, setzt sich fort nach Cabras und wird von der Schriftstellerin Michela Murgia als Ziel für sich beschrieben. Michela Murgia stammt aus Cabras und lebt nach Jahren als Religionslehrerin in Mailand wieder in Sardinien. Sie gehört zur intellektuellen Avantgarde Italiens, ihre Bücher, wie »Accabadora« oder »Murmelbrüder«, setzen sich mit der Geschichte und Kultur Sardiniens auseinander. Ihr Brevier »Elf Wege über eine Insel (Sardische Notizen)« ist unverzichtbar für jede/n bewusste Sardinienreisende/n. Sie sagt, jene Straße am Meer sei ein einziger Belvedere.
   Wir wollen auf jener Route nach Bosa, verfilzen uns im Straßengewirr des südlichen Stadtrandes von Alghero und nehmen unfreiwillig Kurs auf Montresta. Freiwillig stoppen wir mehrmals, weil die Umgebung von Minute zu Minute attraktiver wird. Es ist wegen ihres Baumbestands eine ins Dunkelgrün gehende Kulturlandschaft und ›Attraktivität‹ meint: Wilde Romantik und Naturnähe in verschwenderischer Fülle, Stein- und Korkeichenhaine hinter halbverfallenen Bruchsteinmauern, Wiesen mit Orchideen, Trachitfelsen. Über eine der Mauern steige ich, um einen vom Wind verformten Baum zu fofografieren, ebenfalls eine Steineiche, die sich in knapp drei Metern Höhe, aber waagerecht und gut sechs Meter lang, über einen Weidegrund streckt. Drei, vier Kühe finden unter ihrer liegenden Stammachse Platz, im Familienverbund mit Kälbchen erweitert sich der Schutzraum auf fünf, sechs Tiere.
   Nicht weit, bevor die Hochfläche nach Bosa abbricht, halten wir nochmals an, weil ich auf der Wiese linker Hand ein paar solitär stehende Eichen in saftigem Grün sehe. Bevor ich auf den Auslöser drücke, kommt aus der Gegenrichtung ein weiteres Auto, bleibt neben dem unseren stehen, sperrt damit den Verkehrsweg. Ein älterer Herr steigt aus, graues Tweedsakko, Blue Jeans, hohe Stiefel, zugeknöpfter Kragen, Krawatte. Er stellt sich mitten auf die Straße und fragt, wer wir seien, was wir wollten. Sein Gestus patriarchalisch, die Haltung aufrecht, die Augen freundlich. Er definiert mit weit ausholender Armbewegung: »Il mio teritorio«, ›das ist mein Land‹. Ich sage, wir seien Deutsche, suchten Wanderwege für eine Gruppe. Mehr als misstrauisch zu sein, erwarte ich nicht von ihm, dennoch kostet mich meine Wahrheit Überwindung. Sardinien ist ein Land voller Zäune, es gibt kaum offene Feldwege oder Weideflächen. Es ist die administrative, politische und gesellschaftliche Realität seit dem savoyischen ›Editto delle chiudende‹ von 1820, als Sardinien aufgeteilt und die Insel durch Mauern in Stücke geschnitten wurde.
   Wanderwege zu suchen heißt in diesen Gegenden somit immer, Zäune oder Mauern überwinden zu müssen. Ob sich das mit seiner Freundlichkeit verträgt? Offensichtlich passt ihm das ins Konzept. Er sagt mit einem gewissen Stolz: Ja, es sei eine sehr schöne Gegend und dort hinten (neuer Fingerzeig) lebten sogar Griffoni, Gänsegeier. Gerne dürfen wir dort hin und wiederholt, er sei der Padrone, es sei sein Land.
   Der Rest ist schnell erzählt, auch wenn es noch ein Jahr dauert, bis ich die erste Gruppe hierher bringe. Es geht vorbei an Felskolonnen, die sich wie Apostel formieren, an einem Abstellplatz für gut zehn ausgeschlachtete und verrostete Autowracks, an Schafweiden und Schafherden, an Eseln, die zu zweien auf der Wiese stehen, durch tiefe Schlaglöcher, durch scharfes Dornengestrüpp, stetig ein wenig hinauf, Felskegel passierend und nicht einen Menschen begegnend, bis Fabio den Bus vor drei Gattern und fünf Wegen parkt, die zwar in Fächerform auseinander, jedoch in ihrer Gesamtrichtung eindeutig auf den Monte Mannu weisen.
   Wir wechseln die Schuhe, wählen den linken offenen Weg. Eine bukolische Landschaft, die links gestuft, doch kompromisslos zum Meer und zur Küstenstraße hinunter reicht. Rechts öffnet sich das Binnenland, der Weg gibt Weite und Blickfänge frei. Wir ahnen, dass wir vom Gipfelplateau des Berges im Norden Alghero erkennen und nach Süden, ach was, nicht nur Bosa, sondern fast bis Cabras schauen werden. Ob das alles das Land des Padrone sei, fragt einer aus der Gruppe. Ich hoffe es, sage ich, sicher bin ich mir nicht, denn er hat uns ja keinen Plan gezeigt.  
   Dass wir anschließend in Bosa eine Bar entdecken, in der es mein Lieblingsgebäck gibt (Formacelle, gefüllt mit Ricotta) und wir dazu ein Glas Malvasia trinken — es ist nur ein Intermezzo. Eine gute Stunde später nämlich kommen wir im Agriturismo zwischen Cuglieri und S. Caterina an. Antonangelo und Lilli erwarten uns mit quietschsüßer Limonade und eigenem Weißwein zum Aperitiv vor dem Haus. Das Paar hat drei Kinder, Federica, Lorenzo und Edoardo und sind (abgesehen von der Limonade) Selbstversorger. Sie bauen Getreide an, Obst, Gemüse und Kartoffeln, züchten Schafe, Ziegen und Rinder, stellen Käse her, Ricotta und Nudeln. Was auf die Teller kommt, ist manchmal einfach, manchmal exquisit, oft nur köstlich, immer geradlinig und gut, es ist der ›Profumo‹ ihrer Region, des Bodens, den sie bewirtschaften.
   Die Gaststube selbst ist schlicht eingerichtet. An der langen Fensterreihe zu sitzen, heißt entweder, sich das Abendlicht auf den Buckel scheinen zu lassen oder über die Felder und Weiden zu schauen, zu warten, bis die Sonne über dem Meer steht und nach einer Weile in ihm versinkt. Es ist in etwa die Zeit zwischen dem Primo und dem Secondo und ich werde jetzt nicht aufzählen, was wir dort immer alles essen, weil es sonst Nacht wird. Vielleicht als Auswahl fünf der Antipasti: ›Nodini di Casizolu‹, Crema di Pecorino‹, ›Formaggio acido‹, ›Pane tostato al vino rosso‹, ›Cipolle in agrodolce‹ und sechs der Dolci: ›Pastine‹, ›Amarettone‹, ›Petit fleur‹, Sospiri‹, ›Anicini‹, ›Amaretto sardo‹. Grazie e buona notte, Lilli e Antonangelo.
  

S. Caterina/Montiferru/Santu Lussurgiu, Mittwoch, 13. Mai 2020 (siebter Tag)
Es gibt Erinnerungen, die fast unglaublich weit zurück reichen und auf der Ozeanfahrt des Lebens oftmals untergehen. Tauchen sie wieder auf, bin ich nicht sicher, sie behalten zu dürfen und sehe stets das Risiko, dass sie für immer verwehen.
   So ist es auch mit einer Skulptur, deren Entstehung ich als Schüler verfolge. Ein Künstlerpaar entwirft und realisiert sie für den Pausenhof des Gymnasiums und auch wenn beide, Mann und Frau, viel mehr als ein Jahrzehnt älter sind als ich, erscheinen sie mir jung, weil ihr Auftritt, ihre Kleidung, ihr Verhalten jugendlich wirkt. Sie scharen vor allem meine Mitschülerinnen um sich, mit denen auch ich gerne rede.
   Es dauert einige Wochen, bis der Auftrag fertig gestellt ist, dann geht das Objekt faktisch in den Besitz von uns Schülern über. Es sind zwei sich kreuzende, besser, ineinander geschobene, rechteckige Körper ungleicher Länge. Massiv und gedrungen, einer liegend, der andere stehend. Der liegende ist wie ein Maul oder eine Höhle nach vorne hin offen, hinten wirkt er abgeschnitten. In diese Höhle stellen wir unsere Pausengetränke, legen Bücher oder Hefte hinein, lehnen uns an, stützen uns ab.
    Ein Jahr später wechsle ich die Schule. Auch das Kunstwerk zieht in meinem Kopf um, vermeintlich in das Vorzimmer des Vergessens. Dennoch scheint es sich in einer Anzahl von Synapsen verhakt zu haben. Gut vierzig Jahre später, als ich mit einer Gruppe Mittagsrast auf dem Montiferru in Sardinien halte, blicke ich nicht nur auf das Gestein des erloschenen Vulkans, sondern sehe auch das Kunstwerk meiner Schulzeit wieder vor mir: Die Felsen, zwischen denen wir brotzeiten, sie sind wenig höher als wir selbst und ihre graue, von Moosen und Flechten besetzte Außenhaut hat auf den ersten Blick nichts Besonderes. Es ist eine Zellstruktur mit handtellergroßen Höhlen und Mulden, wohl erodiert von Wind und Wasser. Die Formen sind nicht gleichmäßig und doch ist ihnen eine rhythmische Ordnung eigen. Jedenfalls gleicht die Ordnung meinen inneren Bildern. Denn der Gesamteindruck einzelner Felsen entspricht den aufgetauchten Erinnerungen an Oberfläche und Beschaffenheit des Kunstobjekts meiner Jugend. Ich sollte das Künstlerpaar fragen, woher ihre Inspiration für die Skulptur kommt ...
   Dass es der Montiferru ist, dessen Geologie mich an meine frühen Kunsterlebnisse erinnert, mag Zufall sein. Der Berg, der im Plural bezeichnet wird, weil aus ihm so viele einzelne Gipfel wachsen, eignet sich jedoch trefflich für diese Assoziationen. Breit und behäbig formt er die Morphologie der Küstenlandschaft des mittleren Westens. Ist die Luft klar, erkennt man ihn vom Capo Caccia aus im Norden, wie von den Bergen des Iglesiente weiter südwärts. Er gilt als erloschener Vulkan, wird »Ätna der Sarden« genannt, große Teile seiner Höhenrücken und Flanken sind von Eichenwäldern bedeckt, die Hänge zum Meer hin sind wegen des Gefälles und seiner Vegetation schwerer zu besteigen als die im Osten. Cuglieri ist die einzige größere Stadt im Westen, auf der anderen Seite liegen etliche Orte — das Städtchen Seneghe stellt eine Art Oberzentrum dar. Seine Hausmauern gehen wegen der verwendeten Lava-, Granit- und Basaltgesteine ins Schwarze; doch das Düstere wird durch das Rot des Trachits gemildert. Die Hauptstraße durchzieht Seneghe in engen Kurven, gleich an der Ortsgrenze zweigt eine schmale Straße ab, die auf den Montiferru führt.
   Zunächst ist es eine Gartenlandschaft, dann werden Olivenhaine daraus, schließlich markieren die vielen überhängenden Äste von Steineichen, Korkeichen und Flaumeichen die höheren Zonen. Am höchsten Punkt der Straße und in einem Areal mit Picknickplätzen und Parkmöglichkeiten laufen wir los. Die Rundtour in luftiger Höhe mit oft weitem Ausblick führt zum erwähnten Brotzeitplatz, folgt einem Waldlehrpfad, überrascht mit einem Nuraghen, lässt staunen vor uralten und in ihrem Wuchs majestätisch wirkenden Bäumen.
   Der Osten des Montiferru gehört bereits zur Arborea, eine fruchtbare und natürlich auch frühest besiedelte Region. Nach Seneghe passieren wir je nach Streckenführung Narbolia, Milis und Bonarcado, um schließlich in Santu Lussurgiu anzukommen. Die Kleinstadt liegt gleich einem Amphitheater in einer Falte des Berges und ihr berühmtester Gewerbebetrieb ist die Messermacherei Mura, »La Coltelleria Vittorio Mura e figli«, mit seiner langen Geschichte. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Sardinien-Touristen dort schon Messer gekauft haben.
   Seit über einem guten Jahrzehnt strahlt noch ein zweiter Familienbetrieb über Santu Lussurgiu hinaus, der »Gruccione«. Das italienische Wort für »Bienenfresser (Merops apiaster) steht für ein Gasthaus und eine Herberge besonderer Art. Bei jeder Sardinien-Reise kehren wir bei Gabriella Belloni und ihrer Tochter Lucilla Speciale ein, um im Ambiente eines außerordentlich schönen Patrizierhauses ein vorzügliches Abendessen genießen. Im Innenhof der Duft von Rosen und Orangen, im Restaurant die Gastfreundschaft der klugen Wirtinnen. Gabriela Belloni, gebürtige Römerin, Naturschützerin, Slowfood-Präsidentin, Philosophin (die auch in Deutschland studierte), will einen nachhaltigen Tourismus. Sie nennt ihre »Antica Dimora del Gruccione« nach dem bunten Vogel, weil sie als Kind stets zu Ostern auf Besuch zu den Großeltern nach Santu Lussurgiu kam, wenn auch der Bienenfresser aus Afrika zurückkehrte.
   Eines ihrer Projekte ist der Erhalt der Haustierrasse »Bue rosso«, des Roten Rindes, wie es seit Jahrhunderten auf den Wiesen um den Montiferru gezüchtet wird. Es ist ein gewaltiges, kraftvermittelndes Tier, für schwere Zugarbeiten ebenso genutzt wie als Attraktion folkloristischer Umzüge. Leider sind das nur Nischen, denn niemand führt heute noch Transporte mit Rindergespannen aus. Auch ist nicht jeder Tag Volksfest, auch wenn Sarden gerne feiern. Ein Glück, dass sein Fleisch eine Delikatesse ist, denn Wert des Rindes in der regionalen Küche trägt zum Erhalt dieser Spezies bei. Deswegen ist es naheliegend und folgt der Philosophie Gabriellas und Lucillas, dass im ›Gruccione‹ neben feinem Käse, besonderem Gemüse, antikem Getreide und traditionellen Brotspezialitäten auch ›Bue rosso‹ auf den Tisch kommt. 

S. Caterina/Marghine, Donnerstag, 14. Mai 2020 (achter Tag)
Gestern schrieb ich über von Menschen geschaffene Skulpturen, heute sind es natürliche Standbilder. Torsi aus Gneis. Ich mag die Felsenlandschaft, in der wir heute wandern, sehr, sie lädt zum Entdecken ein, ist widerspenstig und hat etwas bizarr-Schönes.
   Der Pfad wird jährlich neu definiert. Wir folgen den Trittspuren von Kühen, die hier weiden, achten auf die Felsterrassen, die sich wie Bauklötze für Riesen ausbreiten. Sie sind aus dem Wald heraus nicht immer gut zu erkennen. Meist haben die Felsen auf der einen Seite einen bequemen Zugang, auf der anderen Seite brechen sie steil ab. Es kommt darauf an, wann wir hier gehen: Ende April tragen die Bäume noch ihre Knospen, doch nach zwei Wochen ist die Vegetation meist schon dicht. Obwohl ich den Weg sicher schon zwanzig Mal gegangen bin, muss ich also genau aufpassen, den Einstieg zu finden, damit wir uns nicht verlaufen.
    Der Blütenreichtum ist immens. In den vergangenen Tagen sahen wir Hauhechel, Wolfsmilch, Alpenveilchen, Orchideen und Ragwurzen, weiße Hyazinthen, Wucherblume, Habichtskraut, Storch- und Reiherschnabel, Hasenschwänzchen, Milchstern, Iris, Pankratzlilien. Überhaupt ist die Sardinien-Reise in meinem Jahreslauf eine meiner farbenprächtigsten Unternehmungen. Egal, ob Regen fällt (der sich eher selten ereignet) oder die Sonne scheint (was fast die Regel ist, abgesehen vom Jahr 2018)
   Apropos Regen. Ohne Wasser trüge der Wald andere Kleider. Die Marghine ist die erste wuchtige Barriere, die sich dem Wind vom Meer entgegenstellt und er lädt über den Flaumeichen des lang gestreckten und ansteigenden Höhenzugs seine Feuchtigkeitsfrachten ab. So ist eine Art Nebelwald entstanden. Die Bäume neigen sich von West nach Ost, die Stämme mit dichtem Moospelz bekleidet und die Kronen mit mit Bartflechten behangen.
   Meinten die Tourismusverantwortlichen Sardiniens es ernst mit der Förderung des Wandertourismus, könnten sie in der Marghine ein Exempel statuieren: Sie würden einen Weg ausarbeiten und ausweisen, der, immer am Trauf dieses kleinen Mittelgebirges, von Macomer bis Bolotana führte. Es werden Sehnsüchte eines Reiseveranstalters bleiben, der, ginge er die besagte Strecke, über 250 Mauern klettern müsste. Auch deswegen zeichnet die Wegesroute im Laufe der Jahre einen Bogen, sie folgt der Idee, möglichst weit in diesen paradiesischen Gefilden unterwegs zu sein, ohne viele Mauern übersteigen zu müssen.
   Im Übrigen ist es ziemlich egal, auf welche Abschnitte man sich einlässt — die Gegend ist zum Heulen schön. Vor drei oder vier Jahren kam alles zusammen: kristalliner Sonnenschein, angenehme Temperaturen, frischestes Blattgrün, der Boden weich wie eine harte Matratze, ein wenig Wasser auch in den Bächen, die im Herbst nur staubige Gräben sind, das ornamentale Schattenmuster der Baumkronen, kopulierende Esel (m/f), eine kleinere Rinderherde in sicherer Entfernung und, darüber liegend, ein vielstimmiges Vogelkonzert. Alles in allem ein das Innerste rührender Katalog der Herrlichkeiten.
    Sie vermissen noch ein Wort zu den eingangs erwähnten Skulpturen? Ja, Sie haben Recht, ich sollte darauf zurückkommen, auch wenn damit ich in die Assoziationskerbe von gestern schlage. Ich denke bei den Gneisstatuen der oberen Marghine an osterinselähnliche Gestalten. Weder sah ich die richtigen ›Moai Maea‹ oder ›Rapa-Nui‹ vor Ort im Pazifik und ich gebe zu, dass der Vergleich vielfältig hinkt. Aber gerade in diesem zauberhaften Stück Erde Sardiniens will ich mich nicht damit abfinden, dass die Felsen nur eine durch geologische Prozesse bewirkte Gneisschichtung darstellen. Dafür sind mir diese kristallinen Geschöpfe zu ikonografisch, zu allegorisch und sie erheben sich in meiner Phantasie über die naturwissenschaftliche Trivialität poesiefreier Deutungen.

S. Caterina, Freitag, 15. Mai 2020 (neunter Tag)
Die Sinis. Der Ausgangspunkt. Dort, wo es am Montag nach Norden ging, ziehen wir heute, am letzten Wandertag in Sardinien, nach Süden. Vor uns liegt ein Stück beispielloser Küste und hätte ich einen Wunsch frei, begleitete ich den ersten Teil der Etappe vom Boot aus. Als Beobachter oder als Filmender, um von der Wasserseite aus nachzuvollziehen, wie das Meer mit dem Land umgeht. Ich will Zeuge sein, wie es nach der Bruchkante greift, die Wände unterminiert, Brocken herauslöst und der Masse den Halt entzieht. Es nimmt sich auf gewalttätige Weise, was der Boden nicht festhalten kann. So sind Steilwände entstanden, die zwanzig Meter tief in die Brandung fallen.
   Mit der Festigkeit des Materials ist es nicht weit her. Der weiche und poröse Kalktuff in Verbindung mit Tonerden ist weich und porös. Durch Oxydation nimmt der Tuffstein eine rot-gelbe Färbung an, bei frischen Abbrüchen schimmern seine rauen Strukturen weiß bis grau. Es sind vertikale Bruchstrukturen, die an Pilaster erinnern und auf einer Länge von zwei, drei, vier Kilometern nicht nur Falken und weiteren Vögeln Heimstatt bieten.
   Nahe der Kante, einige hundert Meter landeinwärts, stehen wir ebenfalls vor steinernen Schnittlinien. Nicht nur das Meer holt sich den Tuff, auch die Menschen wissen das Gestein zu schätzen. Mehrere Gruben in variierenden Größen liegen offen, ihre Wände zeigen die Muster monotoner Kerben. Das Mineral wird großflächig abgebaut, die geometrischen Wände künden davon. Früher war es der Hände Arbeit, heute graben sich Maschinen mit Bohrwerkzeug in die Sinis.
   Eine der großen Gruben fiel nicht brach, sie wird weitergenutzt. Betrachtet man ein Luftbild der Gegend, erinnert die Szenerie an antike Ausgrabungsstätten. Mehrere Räume sind es, die aufeinander folgen. In ihren Inneren und an den Wänden verrät moderne Architektur eine Umwidmung. Gut 15 Pfeiler markieren einen Arkadengang, hinter hohen Fenstern und Türen sind Sanitärräume und Garderoben zu vermuten. Aus dem Tagebaugelände wurde ein Konzertsaal unter freiem Himmel. Ein Ort der Musik, für die Klänge des Jazz, des Rocks, der Folklore, der Klassik — ein »Parco dei Suoni«. Mir liegt ein Werbezettel von vor fünf Jahren vor: ›Concerto Primo Maggio/17 Live Bands/ Play Sardinia!!!‹. Am 10. August dieses Jahres wird Ben Harper mit seinen ›Innocent Criminals‹ erwartet.
    Wir haben uns mittlerweile an das aufregende Panorama des Weges entlang der Steilküste gewöhnt, betrachten die Schönheit als Selbstverständlichkeit, erkennen im Dunst des Nachmittagslichtes die flache ›Bauchweh-Insel‹, »Mal di Ventre«, die etwa zehn Kilometer draußen auf dem Meer liegt, passieren zwei Miniatur-Nuraghen und rasten inmitten der trockenen Flur. Wer meint, es ginge weiter und unendlich auf diesem Balkon dahin, erfährt nun, dass auch Großartiges Grenzen findet. Der Weg fällt sanft und durch Myriaden von Wucherblumen (Tanacetum), Hasenschwänzchen (Lagurus ovatus) und blauem Natternkopf (Echium vulgare) ab zum Meer. Wir passieren ›Mari Ermi‹ und wissen, hier nicht in den ersten beiden Wochen des Augusts sein zu wollen, weil sich dann, der Infrastruktur nach zu urteilen, Camper, Anglerinnen, Schnorchler, Motorbootpilotinnen in Myriaden versammeln werden.
   Auch in ›Is Arutas‹ ahnen wir, dass der Mai einen Verwöhnmonat für solche darstellt, die Stille und Beschaulichkeit suchen. Wir gehören zu den wenigen Gästen der ›Bar da Attilio in Paese‹, die von freakigen jungen Leute bewirtschaftet wird, welche, etwas überspitzt gesagt, von Jahr zu Jahr unglücklicher wirken, wenn ich meinen Espresso nicht im Plastikbecher, sondern ausdrücklich in einer normalen Porzellantasse verlange.
   Hinter der Bar stehen Tische und Stühle, vor der Bar geht es zum Strand. Der Strand ist weltberühmt, ich erwähnte es, weil er nicht aus Sand, sondern aus kleinen, bunten Reiskörnern besteht. Eine Wanderstrecke in diesem Granulat zurücklegen zu müssen, gehört nicht zu den sardischen Lusterlebnissen. Aber Erwägungen solcher Art spielen keine Rolle mehr, wir sind am Zielpunkt angelangt und haben noch Zeit, ins Wasser zu springen, zu baden, zu tauchen, Eis zu essen, Kaffee zu trinken. Danach fährt uns der Bus zurück ins Hotel, vorbei an den Dünen, den Ausgrabungen der steinernen Giganten, durch die flache Landschaft der Sinis, durch Felder und Wiesen und an Salzseen vorbei. In einem davon entdecken wir — endlich — eine große Gruppe Flamingos. Jetzt bin ich froh, weil sich alle meine Versprechungen erfüllt haben. Denn eigentlich und unvorsichtigerweise waren die ›Fenecotteri‹ bereits für Montag angekündigt.

S. Caterina/Olbia Samstag/Sonntag, 16./17. Mai 2020 (zehnter und elfter Tag)
(Rückschau auf Freitag und und damit den letzten Tag in S. Caterina im Jahr 2019: Eine auf Samt gebettete Ehrenurkunde für zehn Jahre im Hotel in Santa Caterina. Ich spekulierte, es würde eine bunte Torte auf den Tisch kommen, damit alle was davon haben. Wie dem auch sei, es war herzlich und launig, zudem wurde Sekt ausgeschenkt. Pino, der Präsident der Hotel-Kooperative, hielt eine kleine Rede und anschließend gab es eine Serie von Gruppenfotos: zehn gegen den Sonnenuntergang, zehn mit der Sonne.)
   Samstag: Es ist Zeit für eine Liebeserklärung. Ich schreibe sie am Sonntag.
   Sonntag: Urkunde hin, Urkunde her. Wenn sich Anerkennung und freundschaftliche Zuwendung paaren, ist das zwar nicht das Gleiche, doch allemal wundersam schön. So heute spätmittags, als ich vor dem Transfer zum Flughafen in meinem Stammrestaurant in Olbia noch einen Teller Nudeln esse. Ein winziger Spritzer Tomatensoße fliegt zwei Finger breit oberhalb der Serviette an die Knopfleiste meines weißen Hemdes, verfärbt meine innere Gelassenheit jedoch nicht.
   Ein Viertel Weißwein, ein Glas Wasser, ein Haufen Muscheln und das gesalzene und geölte Pane Carasau dazu. Einfach und gut, wie meistens in Italien. Als es ans Bezahlen geht, beeilen sich Wirt und Wirtin zu betonen, dass ich ihr Gast sei. Mein Hinweis, schon am gestrigen Abend beim Mahl mit der Gruppe kostenfrei gehalten worden zu sein, wird beschieden, ich solle die heutige Einladung betrachten, als wäre ich bei ihnen privat zuhause.
    Meine regelmäßige Wiederkehr alleine kann solche Erklärungen nicht bewirken, es muss ein Topf von Ingredienzen sein. Die Bekannten Gavino und Lucia, bei denen ich immer auf eine Unterhaltung vorbei schaue, wenn ich in Olbia übernachte, sind dort ebenfalls Stammgäste und, wer weiß, am Ende tragen auch sie meine Loblieder an das Restaurant weiter.
   Der Gesang auf die Küche ist vielstimmig und die Mienen meiner Gäste sind beredt. Wenn ich die Wirtsleute vorstelle und einen Hinweis auf die Schwarzweißfotos an den Wänden gebe, welche das Paar in den siebziger Jahren zeigen, sind das Gesten der Höflichkeit und Zeichen der Sympathie. Die Kommunikation im Vorfeld der Reise mit Roberta, der Wirtin, um Menü und Zeit festzulegen, tut ihr Übriges. Vieles an unserem Austausch wird zu Recht als Anerkennung verstanden, wie auch meine Angewohnheit, nicht über den Preis zu feilschen, wenn der Gegenwert erkennbar ist. Das schafft Gegenseitigkeit, die keine schriftliche Bestätigung braucht. Deswegen war diese Art zu Reisen immer Passion und will es immer wieder sein.
   Was gestern in Olbia noch frische Gedankenwelt war, sind heute zurück liegende Eindrücke. Aus ihnen werden Notizen, schließlich Tagebucheinträge. Sie halten auch eine Raumbeschreibung fest: Die seitlichen Plätze am linken Tisch sind nahe am Büfett mit den gestapelten Tellern, dem Besteck in den Körben, den Gläsern im Regal. Die Wanddekoration ist ohne signifikantes Konzept. Ein stillgelegtes Aquarium im Wanddurchbruch und verstreut aufgehängte Kupfergefäße. Grobe Vorhänge, besagte Fotos. Das alles ergänzt die Möblierung unseres Raumes.
   Drei besetzte Tafeln und doch genügend Platz, um den Blick kreisen zu lassen. Ich sitze hier immer an der Stirnseite, bin Teil intensiver Unterhaltungen, die unterschiedlich lange nachwirken. Es geht um die Anzahl meiner Reisen, die Reiseziele selbst, um die vergangenen Tage, darum, dass sich kein Mensch mehr das Altmühltal vor seiner Zerstörung vorstellen kann, um Gedachtes, nie Gesagtes, um das gute, das viele Essen und darum, wie es gelingen kann, stets aufs Neue mit solch wunderbaren Leuten unterwegs zu sein. Konsens ist, dass Reiseerlebnisse wie diese nur durch Leidenschaft des Veranstalters ermöglicht werden. Glück hingegen ist oft einfach zu erlangen, manchmal aber sind wir lange hinter ihm her. Ist es möglich, auf einer Reise sein eigener Gast zu sein, ohne dafür kritisiert zu werden? Ist das Glück? Diese Gespräche und ihr Inhalt, das alles ist Glück? Ja, das alles ist Glück.
   Mir fällt noch ein, was mich bewegt hat, weil ich glaubte, dass es ein Ausdruck des Glücks meiner Teilnehmer*innen war. Wir gehen dazu nochmals zurück nach S. Caterina. Rechts vom Sarazenenturm neben dem Hotel führt der Weg zu einem Respekt einflößenden Einschnitt im Küstenverlauf. Der steinerne Ausschnitt unterhalb der weiten Wiese erinnert an eine halbierte Arena und bei guter Dünung prallen die Wellen an die Steilküste. Vor etlichen Jahren blieb eine Anzahl von Steinen stehen, die einige von uns dort arrangiert haben.  Vielleicht, weil sie sich mit dieser Geste für die Schönheit des Landschaftserlebnisses, das Ihnen zuteil wurde, bedanken wollten. Erst einige Zeit später fiel mir in diesem Zusammenhang ein, was die sardische Schriftstellerin Michela Murgia in einer ihrer Betrachtungen über ihr Land schreibt. Die Menschen gingen zum Beten ans Meer (A pregai a mari). Ich empfand die Erinnerung an die aufgeschichteten Steine dann selbst als glücklichen Moment.