FIKTIVES REISETAGEBUCH 2020

Anversa degli Abruzzi

REISE IN DAS WILDE HERZ ITALIENS

Regensburg/Faenza, 31. Mai 2020 (erster Tag)
Meine erste Erinnerung an die Abruzzen sind Gedankenschlieren an eine Nacht in der Eisenbahn. Auf dem Weg nach Griechenland war ich in Bologna in einen verspäteten und überfüllten Nachtzug nach Apulien gestiegen und ahnte, dass die kommende Nacht anstrengend werden würde. An Schlaf war kaum zu denken, und wenn es mir doch gelang, in der Enge des Vorraumes zwischen Wagontüre und Gang einzunicken, rissen mich das Gedränge der Aus- und Einsteigenden, die kreischenden Bremsen des Zuges und die lauten Stimmen der anderen Fahrgäste immer wieder aus meinen Traumsequenzen.
     Eine dieser Stimmen gehörte einem kleinen Mädchen, um Mitternacht schrie es bei einem Halt unentwegt durch das geöffnete Zugfenster: »Civitanova, Civitanova, Civitanova«. Wir waren in den Marken. Stunden später wurde der Zug leerer, ich fand einen bequemeren Sitzplatz und morgens hatte ich ein ganzes Abteil für mich. Wir hielten in Bari, ich blinzelte müde in die Morgensonne und beneidete den Jungen, der am Bahnsteig seinen Kopf unter den Brunnenhahn steckte und Wasser trank. Civitavecchia und Bari. Der Junge und das Mädchen. Zwischen diesen beiden Kindern liegt meine erste Abruzzen-Passage. Dennoch war es ein unbewusster Transit, denn damals, Mitte der siebziger Jahre, habe ich die Abruzzen weder wahrgenommen noch realisierte ich, dass es sie überhaupt gab. Mein Italienbild war erst im Entstehen.
     Ein Jahrzehnt später war vieles anders. Ich hatte halb Italien durchstreift und viele Freundschaften geschlossen. Wegen der Begeisterung über die Schätze des italienischen Kulturerbes, der interessanten Menschen und ihrer schönen Sprache und nicht zuletzt wegen des guten Essens dachte ich schon seit langem darüber nach, wie lange ich noch ausschließlich in Deutschland bleiben solle. Wenn Arkadien rief, folgte ich gerne der lockenden Stimme des Südens. Ich wollte zu den blühenden Zitronen, in die Bilderwelten, die Frederico Fellini, die Brüder Taviani und Lina Wertmuller geschaffen hatten, wollte in einem Haus am Meer überwintern und die Galeria Umberto in Neapel zu meinem Salon machen.
   Wo sonst in Europa konnte man zwischen der Ticketabgabe und dem Bezahlen der Autobahngebühr mit dem Angestellten im Mauthäuschen über Anarchismus diskutieren? Wo sonst gab es ein Land, in dem sich alles aufs Beste fügte, weil der Blick auf die Schatten der tyrrhenischen wie adriatischen Sonne durch geliebte Symbole und bewunderte Inhalte verstellt war? Italien war einzig, schien gelobtes Land und dennoch ließen die Äste mit den Zitrusfrüchten, die knorrigen Stämme der alten Olivenbäume, die Steineichen auf den urbanen Plätzen und die Buchen in den Wäldern des Apennins eine Ahnung in mir wach werden, die mich schon seit etlichen Jahren auch in Deutschland begleitete. Fehlte da nicht etwas im Konzert? Vom Brot alleine musste ich nicht leben, aber genügte mir meine Variation des Dolce vita? Hatte ich gefunden, was ich suchte?
   Die Antwort flog mir zu, als mich mein Verlangen nach außergewöhnlichen Landschaften erneut nach Italien führte. Ich war Teilnehmer einer Reise, die eine Woche Bergwandern im Apennin, in den Abruzzen, versprach. Das unbekannte Terrain öffnete sich spröde. Unser Omnibus hatte die Autobahn verlassen, sich durch die Enge eines Dorfes geschoben und war in der anschließenden Felsengalerie fast hängen geblieben – das Fahrzeug zu groß, die Straße zu eng. Nur mit Mühe und wiederholtem Manövrieren gelang dem Busfahrer die Weiterfahrt. Es mögen spannende fünf Minuten in den steinernen Grotten gewesen sein, doch die Blicke von uns Reisenden richteten sich auf die Ortschaft hinter uns, auf die Schlucht unter uns und zum Gebirge in der nahen Ferne. Es ging ein Raunen durch den Bus.
   Wir wollten aussteigen, schauen, spüren und nötigten den Busfahrer, stehen zu bleiben. Die Urgewalt der Berge war spürbar. Ob sie in Verbindung mit süßem Leben stehen konnten, war eine andere Frage. Keinen Zweifel jedoch gab es darüber, in den Abruzzen angekommen und von mächtiger Wildnis umgeben zu sein.
   Nicht bei jeder Reise von Erde und Wind heute setzen wir uns auf die Route der Strecke von damals. Die Engstelle der Galerien von Anversa degli Abruzzi ist gar nicht mehr passierbar, weil die Reisebusse zu hoch und zu breit für jene Galerien geworden  sind. Doch die Folge der Orte zwischen Torre de Passeri und Cocullo, die Bilder und Markierungen jener Strecke sind Teil meiner festen Erinnerungen. Anversa selbst, das Dorf oberhalb der Schlucht des Sagittario, ist mein Portikus in die Abruzzen gebieben. Und damit das Tor zu Naturschätzen, die in Europa ihresgleichen suchen.
   Bei den meisten Anreisen in die Abruzzen erzähle ich Teile dieser Historie — entsprechend dem Reiseziel vor Ort. Es sind vier große und teils berühmte Naturschutzgebiete, die wir seit 1995 in unterschiedlichen thematischen Kombinationen besuchen: Den Parco Nazionale Gran Sasso e Monti della Laga, den Nationalpark Majella, den Regionalpark Velino-Sirente und den altehrwürdigen Nationalpark Abruzzen (der sich seit Anfang der neunziger Jahre auf Flächen im Latium und Molise ausdehnt und seither Parco Nazionale Abruzzo, Lazio e Molise heißt).
    Auf dem Weg von Deutschland, etwa nach der Grenze von Österreich und Italien, trage ich eine geschichtliche Anektdote vor, die der Vorschau auf unser Nachtquartier in der Emilia Romagna dient. Unser Hotel in Faenza war einst Herberge eines berühmt-berüchtigten Mannes aus den Abruzzen. Der Dichter Gabriele d’Annunzio verbrachte hier als Militär eine Nacht und sein Gemach mit Fresken an der fast fünf Meter hohen Decke steht damals wie heute Gästen zur Verfügung. In Italien wird er nach wie vor wegen seiner ausgewählten Sprache fast als Staatsdichter verehrt, im Rest der Welt ist seine Rolle als Kriegstreiber und Faschismusfreund ein an und zu auftauchendes Thema.
   Jedenfalls, wir sind auf dem Weg in die Abruzzen, eine besondere Reise, die sechzigste, hat begonnen. Vor 25 Jahren nahm das Projekt meiner Gruppenreisen in das »Wilde Herz Italiens« seinen Anfang und ich sitze, wie jeden Pfingstsonntag seit 1995, im Reisebus des Familienbetriebs aus dem Niederbayerischen und Hans ist unser Fahrer.

Rocca San Giovanni, 01. Juni 2020 (zweiter Tag)
Faenza, Forlì, Cesena, Rimini. Die Adria erscheint, die Marken sind bald erreicht, die vorbei ziehende Landschaft ist durchaus nicht langweilig, aber die Zeit wäre passend für ein Ratespiel. An sich eine absurde Sache, wie sie mir vorschwebt, aber so abwegig, wie es damals mit Josef S., einem Volksschullehrer in der nördlichen Oberpfalz, ablief, muss es ja nicht sein. S. war ein von mir hochgeschätzter Geist, der sich leider im Kleinstadtmilieu ruinierte. Ratespiele mit ihm steigerten sich stets in eine Abfrage von Maschinengewehrmodellnummern, wenn er merkte, dass seine Gegenüber mit Geografie oder Politik mithalten konnten. So also nicht, aber dennoch inklusive einer Dosis leicht Absurdem.
Wie beispielsweise (sehr absurd):
   »Was hat Bob Dylan mit den Abruzzen zu tun?«
   »Nichts? — Doch: Ihr kennt die zweite Platte von Bob Dylan? Die, auf deren Cover er mit der Frau in New York frierend im matschigen Schnee steht? Die Frau heißt Suze Rotolo und ihre Familie stammt aus Sizilien. Vor einhundert Jahren und später sind viele Menschen aus Sizilien emigriert. Viele nach Amerika und einige in die Abruzzen. Einer der berühmtesten Schäfer der Abruzzen heißt Gregorio Rotolo. Seine Vorfahren stammen bestimmt auch aus Sizilien. Schon haben wir die Verbindung: Bob Dylan und Abruzzen.«
Oder (weniger absurd):
   »Was hat Federico Fellini mit den Abruzzen zu tun?«
Jetzt kommt das ›Nichts‹ nicht sofort: Spielt ein Film von ihm da? Er selbst wurde ja in Rimini geboren, aber ist seine Mutter Abruzzesin?
   »Nicht richtig, aber auch nicht ganz falsch. Ennio Flaiano, der Drehbuchautor von Fellini, ist in Pescara geboren. Seine Kindheit und Jugend beeinflussten ihn sein ganzes Leben. Er sagte von sich: ›Ich lebe ständig in den Abruzzen, auch wenn ich woanders bin. Auch wenn ich schreibe oder glaube zu schreiben, dann tue ich es wahrscheinlich in Abruzzesisch, selbst wenn es wie Italienisch aussieht.‹ So ist auch das Abruzzesische in die Filme von Fellini geraten.«
   Oder (wieder sehr absurd):
»Was hat Charles Bukowski mit den Abruzzen zu tun?«
Oh je. Der stammt doch aus Deutschland, von Andernach am Rhein. Schwierig.
    »Bukowski hatte einen Lieblingsschriftsteller, John Fante. Der die Arturo Bandini-Trilogie schrieb und in Los Angeles lebte. Und dessen Familie ebenfalls aus den Abruzzen nach Amerika ausgewandert ist.«
   Nach vier, fünf solcher Analogien ist es Zeit für eine andere Kommunikation, nicht alle Menschen mögen diese Art von Rätselirrwitz. Zumal wir schon vor einiger Zeit hinter Benedetto del Tronto über das Flüsschen fuhren, welches die Marken von den Abruzzen trennt, an Atri und seiner mit Fresken von Andrea Delitio geschmückt Kathedrale vorbei- und um Pescara herumfahren, immer, immer, immer entlang der blauen Adria.
   Und ich versäumte es, auf die Orangengärten von Grottamare hinzuweisen, dem Ort, den die Autobahn an seiner schönen Nordflanke auf das Gröbste penetriert. Es ist »nur« der steil abfallende Rand des Städtchens über dem Meer, mit der Tunnelöffnung von Norden her, dennoch tut das Wissen weh, dass Verkehrsplanungen hier wie dort bar jeglichen Anstands sein dürfen. Die Orangengärten von Grottamare jedenfalls reichen bis in die picenische Zeit zurück, in die adriatische Hochkultur vor den Römern. Die ursprünglich sizilianischen Pflanzen tragen so schöne Namen wie ›Blonder Picener‹, ›Späte blonde Picenerin‹, ›Blutrote Orange‹ und ›Picenisches Zitronenbrot‹.
   Die Tradition der antiker Gärten, die auch im späten Mittelalter rekultiviert wurden, ist auch in den Abruzzen ein weites Feld. Meine liebsten Freunde in den Abruzzen, Angela und Giuliano und Mario, realisieren solche Themengärten in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern wie Aurelio Manzi, der ein Standardwerk über die Natur- und Umweltgeschichte des Apenninengebirges geschrieben hat. Ihren Garten im Naturschutzgebiet am Serranella-See besuchen wir als Gruppen immer wieder, dort feierte ich 2005 auch die ersten zehn Jahre  meiner Abruzzen-Reisen.
    Die drei Freunde sind es auch, die mir seinerzeit Rinaldo und Maria Verì und ihr Projekt, das Restaurant auf ihrem Trabocco, vorstellten. Die ›Costa dei Trabocchi‹ zieht sich von Pescara nach Vasto, ihr Name kommt von den die Uferlinie bestimmenden hölzernen Stelzenbauten. Die Trabocchi der Fischer der südlichen Abruzzen-Küste sind heute nur noch spärlich zu erleben, und der primäre Gebrauch ist nicht mehr die Fischerei, sondern die Gastronomie. Die Bauten und ihre Architektur würden verfallen, gäbe es diese Umwidmung nicht. Früher wurde mit den Auslegerbalken, an denen ein großes Leintuch hing, Meeresgetier gefangen. Das Tuch wird unter die Wasserlinie gesenkt und sobald sich ein Schwarm Fische darüber einstellt, an den vier Enden hochgezogen. Ein mühseliges Gewerbe, zweifelsohne, aber den seichten Ufern angemessen und auf seine Weise schonender als viele andere Methoden der Meeresfischerei.
   Wir lassen den Bus stehen, überqueren die zum Wanderweg umgewidmete Bahnlinie Bari-Bologna, passieren blühende Akanthussträucher und stehen auf der schmalen Auslegerbrücke, der das Festland mit dem Trabocco verbindet. Über dem kleinen Holzhäuschen auf der Bohlenplattform weht die Flagge der Familie Verì als sicheres Zeichen der Erwartung von Gästen. Eine lange Tafel ist für uns gedeckt und die meisten von uns sind gebannt ob der einzigartigen Atmosphäre zehn Meter über dem Wasser. Das Holzhäuschen übrigens ist die Küche, der Trabocco hat sonst keine Wände, wenn es hoch kommt, sind es vierzig Sitzplätze, von denen durchweg ein begnadeter Ausblick auf das Meer sicher ist.
   Angela erzählte, dass es nur ein Menü gäbe, dass die einzelnen Gänge der mediterranen Hausmacherküche entsprächen, dass sie ganz einfach gehalten wären — Maria würde einfach, aber unbeschreiblich gut kochen, das ganze Geschehen auf dem Tabocco wäre faszinierend. Es stimmt schon alleine deshalb, weil die Spaghetti mit den Muscheln und einem kleinen Stückchen Peperoncino auf diesem Freisitz über dem Meer symbiotische Empfindungsströmungen erzeugen, die nur schwer zu beschreiben sind. Weil der Geruch des Salzwassers, das Licht des Himmels, die Farben des Meeres, die wohltemperierten Gespräche der Mitreisenden, jedes Element für sich und auf seine Weise ein kleiner Ausschnitt des Glück sein will, sozusagen Momente des Wohlseins, die wir alle suchen, wenn wir verreisen.
   Bleibt die abschließende Frage von J.: ›Wie ich gedächte, das zu steigern, wieso ich den Höhepunkt der Reise bereits an deren Beginn setze‹. ›Warte, was noch kommt‹, sage ich. ›Wir haben noch zehn Tage vor uns. Das Bergland birgt neue Überraschungen‹.
Irgendetwas muss ich ja antworten, bevor wir uns auf den Weg nach Caramanico Terme, in die  Majella machen, wo unsere Wanderreise eigentlich beginnen wird.

Caramanico Terme, 02. Juni 2020 (dritter Tag)
»Die Wölfe vom Val Orfento« heißt ein Film, der in den achtziger Jahren im deutschen Fernsehen zu sehen war. Sein Regisseur, der Verhaltensforscher Erik Zimen, ist zu dieser Zeit schon eine renommierte wissenschaftliche Größe. Sein Name wird auf einer Ebene mit Wolfsforschern wie dem Amerikaner David Mech oder Luigi Boitani aus Italien gehandelt. Zimen arbeitet gerade mit Wölfen im Nationalpark Bayerischer Wald, als er 1973 einer dringenden Einladung des WWF Italia folgt, um mit Luigi Boitani am ›Abruzzen-Wolfsprojekt‹ zu arbeiten. Was ist geschehen?
   Anfang der siebziger Jahre wird die Population wild lebender Wölfe in Italien auf nur mehr 25 Spezies geschätzt. Die Abruzzen gelten zu dieser Zeit als der letzte Rückzugsraum des Tieres. Doch aufgrund von Bejagung und fehlendem Beuteangebot (auch das Rot- und Rehwild in den Abruzzen ist durch jagdlichen Raubbau ausgerottet) droht der Wolf auch in den Abruzzen und damit von der Landkarte Italiens zu verschwinden.
   Wissenschaftler, Naturschützer, Politiker und besorgte Bürger kämpfen für den Erhalt der Tierart. Es entstehen mehrere Naturschutzinitiativen, die wohl bekannteste heißt ›Operazione San Francesco‹. Mit dem Bild des Naturheiligen Franz von Assisi werben der Direktor des Abruzzen-Nationalparks, Fanco Tassi, und die ›Gruppo Lupo Italia‹ für den Wolf und sein Überleben.
   Heute wissen wir, dass die Initiativen erfolgreich waren, denn langsam stabilisieren sich die Bestände des Wolfes in den Abruzzen. Die Anzahl der Tiere wächst und in den folgenden Jahrzehnten ziehen von den Abruzzen aus Tiere über das Apenninengebirge nach Süditalien und nach Norden. Viele der heutigen Wolfsbestände in der Schweiz oder Frankreich sind Nachkommen der Wölfe, die durch die ›Operazione San Francesco‹ eine neue Zukunft geschenkt bekommen.
   Für Erik Zimen sind die Abruzzen eines seiner wichtigsten Forschungsareale. In seinem Buch »Der Wolf. Verhalten, Ökologie und Mythos« beschreibt er anschaulich seine Arbeit zunächst im Nationalpark Abruzzen und dann im Majella-Gebirge. Er verbringt in lange Zeiteinheiten in diesem Berggebiet, winters wie sommers. Er wohnt in San Eufemia di Majella, forscht am Passo San Leonardo, an den steilen Flanken und in den großen Tälern. Ein junger Wissenschaftler aus Caramanico freundet sich mit Zimen an. Es ist der Biologe Paolo Barasso, der ebenfalls mit Wölfen arbeitet und 1975 Teil der Forschungsgruppe wird. Als Erik Zimen einige Jahre später seinen Film über die Wölfe in den Abruzzen dreht, spielt Paolo Barasso eine der Hauptrollen.
   Zeitensprung. Damals schon war das Majella-Gebirge ein sensibler und wertvoller Naturraum, heute ist es durch seine Ausweisung als Nationalpark besonders geschützt. Dort wo früher einheimische Bauern, Schäfer und Waldarbeiter unterwegs waren, ebenso wie Schmuggler und Soldaten sich ihren Weg von der Westseite zur Ostseite der Majella suchten, folgen wir heute unserer Route entlang der Ufer des Orfento. Wir sind auf den Spuren von Erik Zimen und Paolo Barasso und unsere Wanderung führt uns zu den Originalschauplätzen des Films.
   Das Orfento-Tal ist ein wohlproportionierter Ausschnitt des Majella-Gebirges und so kurz das Flüsschen sich bemisst, so mächtig liegt das Tal, in dem es fließt. Über weite Wiesen steigen wir hinauf in den Buchenwald und vertrauen uns dem Weg an, der uns hinunter zum Wasser bringt. An einer schmalen ›Steinernen Brücke‹ queren wir es, sind beeindruckt von den glatten steilen Wänden, in die sich das weiche Wasser in Jahrtausenden geschnitten hat. An der Eremitei des heiligen Onofrio spüren wir, was das Leben in der Einsiedelei nicht entbehren musste: die Sonne, den Wind, das Wasser, die Tiere des Waldes und die Vögel am Himmel.
   Auf dem Rückweg kommen wir an dem Steg vorbei, an dem die Wilderer im Zimen-Film ihre Falle einrichteten und den Wölfen auflauerten. Die offizielle Jagd auf Wölfe gibt es nicht mehr, die Art gilt mittlerweile in Italien als streng geschützt, auch wenn dem Wolf immer wieder nach dem Leben getrachtet wird. Zu viele Verleumdungen, Unwahrheiten und aufgebauschte Ängste wirken. Dabei ist der Wolf gegenüber Menschen harmlos.
   Jedenfalls passt es gut, dass wir am Abend bei Anna und Remo in San Eufemia zu Abend essen. Seit fünfundzwanzig Jahren kehre ich hier ein, bin vertrauter Stammgast. Ich las Erik Zimens Buch erst im Jahr nach meinem ersten Besuch und freute mich, den Ort bereits zu kennen. Rita aus Caramanico hat uns das Lokal empfohlen, als wir, Freund G. und ich den ersten Herbst unserer vielen Vorbereitungsreisen hier verbrachten. Aber das ist eine andere Geschichte ...

Caramanico Terme/Roccamorice, 03. Juni 2020 (vierter Tag)
   Lorenzo Legnini macht eine einfache Rechnung auf: »Drei Millionen Schafe sind zehntausend Herden mit jeweils dreihundert Tieren, einschließlich Kühen, Ochsen, Ziegen, Hunden, einem Schäfer und zwei Hirten«.
   Lorenzo kommt aus Pomaro, aber er trifft mich in Roccamorice, im Hügelland vor der Majella, wir kennen uns, sind uns Jahre vorher schon in Pennapiedimonte über den Weg gelaufen. Ich sitze vor der Bar am Dorfplatz, sinniere über den Reisetag, als er vor mir steht und wissen will, wo ich mit der Gruppe unterwegs bin.
   »Hier«, sage ich, »hier in der Majella, wir besuchten den Colle della Civita. An der Kreuzung, wo die Straße zum Eremo di Santo Spirito a Majella abgeht, die Wiesen hinauf und über den Colle dell’ Astoro wieder zurück. Schafhaltung in den Abruzzen, die Lesesteinhäuser.«.
   Ich scheine sein Thema getroffen zu haben. »Du weißt«, sagt er, »dass du hier auf historischem Boden bist. In diesem Teil der Majella sind früher Abertausende Schafe gehütet worden. Die weiten Wiesen, das offene Land, die Eremiteien ...«.
Mittlerweile hat sich ein kleiner Kreis von Interessierten gebildet, die uns zuhören.
   »Was haben die Eremiteien mit der Schafhaltung zu tun?« fragt eine aus unserer Gruppe.
Lorenzo lächelt, blickt ein wenig in die Ferne und hebt zu einer langen Erklärung an, die sich in Kurzform so liest:
   »Die Eremiteien waren die Gewerbezentren der Schäferei. Die Schäfer, die im Sommer tagaus, tagein auf die Weide mussten und nur zum Schlafen ins Dorf kamen, brauchten Verköstigung, brauchten Schuster, Schneider, Marketender. Die Eremiteien sind die Orte, wo Schäfer Waren tauschten und einkauften«.
   Es kommt die Rede auf den ›Colle della Civita‹, ein steinernes Monument der Schäferei in der Majella, wo wir unsere Mittagsrast hielten. Es liegt an der Nordseite einer Felswand, weit oben auf dem Hügel, da, wo die Straße zum Passo Lanciano eine große Kurve zieht. Die Felswand bot natürlichen Schutz auf der einen, eine mächtige Trockensteinmauer umfriedet das gesamte Gelände auf der anderen Seite. Mindestens eine große Schafherde fand darin Platz und war geschützt vor den Feinden der Nacht, dem Bären und den Wölfen. Doch nicht nur die Mauer ist es, die das Ensemle besonders macht. Um ins Innere der Anlage zu gelangen, muss man durch zwei Lesesteinhäuser fast kriechen, na, jedenfalls gebückt gehen. Eines der Häuser war die Melkkammer.
    Ignazio Silone, der große Dichter, hat das Schicksal der Menschen in den Abruzzen mit dem Faktor Natur zu erklären versucht. Er meint damit die eigensinnige Treue der Abruzzesen und Abruzzesinnen zu ihren wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen, die oft jenseits jeder praktischen Nützlichkeit lagen.
   Die Häuser aus trockenem Stein sind ein gutes Beispeil dafür. Es gibt mehrere Namen und Begriffe für sie: Capanna di pietro a secco, was ›Hütte aus trockenem Stein‹ bedeutet. Mir gefällt die Bezeichnung ›Lesesteinhaus‹ oder ›Feldsteinhaus‹ auch gut dafür. Der in der Majella gebräuchlichste Begriff lautet Tholos, er kommt aus dem Griechischen und war in der Antike ursprünglich ein runder Kultbau. Wenn sie rechteckig sind, sagen die Einheimischen Condole. Mit Pagliare sind einfach nur ›Schafhäuser‹ gemeint. Sie sind verwandt mit den apulischen Trulli, ebenfalls steinerne Kegeldachbauten und alle diese Gebäude sind in ihrem Ursprung mit den Nuraghi auf Sardinien oder den Mitátes auf Kreta oder mit den Bories in der Provence verwandt.
   Wie kam es zu dieser Architektur?
Mir fällt dazu eine Erklärung von Edoardo Micati ein, dem wichtigsten Forscher auf diesem Feld. Er schrieb: »Seit jeher gab es in den Gebieten der Bergweiden Bemühungen, Menschen und Tiere dauerhaft zu schützen. Ein Ergebnis dieser Anstrengungen waren kleine Hütten- und Häuserkomplexe, die von den Schäfern selbst erbaut wurden. Sie verbreiteten sich in den Abruzzen seit etwa 300 Jahren, als Ergebnis der engen Verbindung der abruzzischen Schäfer mit der Region Apulien, Form und Umfang allerdings variierten beträchtlich. Alle Schafhäuser haben eine charakteristische Struktur, das Dach wird mit groben Kalksteinplatten ausgeführt. Solche sind Häuser sind entlang des gesamten Apennins in den Abruzzen, vermehrt im Gran Sasso-Gebiet, doch besonders bei uns in der Maiella zu finden. Annähernd tausend gibt es, viele aber sind nur noch Ruinen«.
   »Und was ist mit den drei Millionen Schafen, von denen ihr eingangs spracht?« Unsere Runde ist noch etwas größer geworden und die Frage nach Lorenzos Eingangsthese liegt schon lange in der Luft.
   »In Spitzenzeiten wurden so viele Tiere auf den Bergwiesen der Abruzzen geweidet. Im Herbst zogen sie mit ihren Hirten nach Apulien, um dort zu überwintern. Zehntausend Herden macht dreißigtausend Hirten, weil eine Herde aus dreihundert Tieren bestand. Schafhaltung war jahrhundertelang, um nicht zu sagen, zwei Jahrtausende lang, das Schlüsselwort von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur in den Abruzzen. Sie hat die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen hervorgebracht oder hat sie bedingt.«
   Wir nehmen Lorenzo nun einfach mit zum Abendessen. Es findet, nomen est omen, im Agriturismo ›Tholos‹ ein paar Kilometer außerhalb des Dorfes statt. Gabriele und Paola bewirtschaften es und so gut wie alle Ingredenzien des Essens kommen aus eigener Produktion. Schlussfrage: Auch das Lammfleisch? Aber ja, auch das Lammfleisch. Die Schafherde, die der Schäfer Pasquale heute am Colle della Civita hütete, gehört Gabriele und Paloa.

Caramanico Terme, 04. Juni 2020 (fünfter Tag)
   Ich will Sie nicht auf eine falsche Fährte führen, Ihnen nicht erzählen, der Verlauf der heutigen Tour hätte sich deswegen geändert, weil zwei Fahrzeugwracks vom ursprünglichen Einstieg verschwunden sind. Von der Aussichtskanzel, einem kleinen Plateau, das seinesgleichen sucht. Wir sind damals kurz vor Decontra aus dem Bus gestiegen, typisch deutsch und ökologisch einwandfrei im Gänsemarsch entlang des Feldrains zu der Gruppe lichter Flaumeichen gegangen, ich las eine Passage aus Ovids ›Schöpfung‹ und alle ließen wir uns vom Ausblick betören.
   Hinter uns nämlich das Dorf, die Häuser an die Bruchkante des nach oben springenden Berghanges gestreut; unter uns, wirklich tief unter uns das in dickes Buchenlaub eingepackte Orfento-Tal. Der Flusslauf faltet sich wie eine grüne Schleppe hinauf zu den Kalkmauern der hohen Majella-Berge, deren oberer Rand das Quellkar des Orfento in einem Halbkreis umschließt.
   Seine Linie beginnt von Osten mit dem Monte Blockhaus, auf dem die Steinblöcke einer bourbonischen Festung liegen, entlang der Kiefernlatschen führt sie weiter zum Monte Cavallo, dann folgt ein tiefer Einschnitt mit den sogenannten Tavole dei Briganti (Steinplatten, die Inschriften von aufrührerischen Zeitgenossen tragen), bevor ein unbarmherziger Anstieg auf die wartet, die zur Gipfelzone wollen. Der Monte Focalone, dahinter der Aquaviva, etwas vorgelagert der Rotondo im Süden, die Tre Portoni und schließlich schon der Pesco Falcone im Westen, der das Amphitheater der ›Macchia di Caramanico‹ abschließt. Den Blockhaus-Berg erreichte man früher mit dem Auto, vom Pesco Falcone hinunter nach S. Nicolao und dann weiter nach Caramanico geht es nur zu Fuß. Ein ganzes Stück dahinter, über dem Orta-Tal, erheben sich die Morrone-Berge mit der Klause des Einsiedlerpapstes Zölestin V. und noch weiter rechts das Gran Sasso-Massiv. Alles in allem ein grandioses Eröffnungspanorama.
   Zugleich bot der idyllische Ort eine Zusatzausstattung. Neben schattigen Eichen, im leuchtenden Besenginster und auf brüchigen Steinplatten verwaisten etliche Jahre lang zwei Symbolgefährte Italiens — ein Fiat 500 und ein Vespa-Roller. Arrangiert durch eine Mentalität der Gedanken- und Sorglosigkeit war es eine Art Bühnenbild zum Thema ›Begegnung von Kultur und Natur in einer Gebirgslandschaft der Abruzzen‹ und eigentlich gab es keinen besseren Tourenbeginn als den Schauplatz der Installation unfreiwilliger Arte povera. Doch eines Tages waren Fiat und Vespa verschwunden. Als hätte Decontra einen Filialverein der ›Aktion saubere Landschaft‹ gegründet und die Beseitigung des Fahrzeugfriedhofs zur ersten Aufgabe erkoren.
   Dass die kleine Hochfläche bald danach aus meiner Wanderroute radiert wurde, ist bestenfalls ein Zufall, mehr nicht. Ich entschied mich für einen anderen Streckenverlauf mit neuen Aussichtspunkten, um unser Tagesziel zu erreichen. Heute beginnt die Tour bereits am Hoteltor, führt hinab ins Orfento-Tal, quert es hinauf nach Decontra und kurz vor dem Val Giumentina biegen wir nach rechts ab. Dann laufen wir noch zweihundert Meter, ich bleibe stehen, bis alle nachgekommen sind, schaue und sage nichts.
   Auch die Gruppe ist meist still, weil es ungewöhnlich wirkt, wenn der Wanderführer nicht weiter geht, wartet und einfach nur schaut, ohne zu sagen, warum. Doch meist und kurz bevor die Stille nicht mehr nachvollziehbar ist, werden wieder Stimmen laut. Zuerst zögerlich und fragend, mit durchaus unsicherem Klang, dann aber mit Bestimmtheit: »Dort unten in der Schlucht, ist das ein Gebäude, sind das Mauern, was ist dort?« »Wo?« fragen andere. »Na, dort unterhalb der Felsen, wo der Fußpfad wieder nach oben führt  ...«. Es ist bestimmt eine Herausforderung, an jenem Grashang nicht in die Ferne, sondern in eine weitere Schlucht zu blicken. Wie ein eng gemusterter Teppich nämlich rollt sich das Küstenvorland vor uns aus, das Meer ist zu sehen, es verschwimmt am Horizont mit dem Himmel.
    Letztendlich gewinnt doch die Nähe. Direkt unter uns, im kolossalen Graben des ›Valle Santo Spirito‹ sind endlich die Umrisse der berühmten Eremitei S. Bartolomeo auszumachen. Das Ensemble erinnert an indianische Pueblos, die, in die Tiefe eines überhängenden Felsens hineingebaut, eins mit ihrer Umgebung werden. Es ist eine fast absolute Harmonie, der Landschaftseingriff ist nicht offenkundig, deswegen fällt die Zuordnung, was Natur und was Architektur ist, schwer.
    Alljährlich in den letzten Augusttagen findet hier ein großes Volksfest statt. Frühmorgens wird die Statue des heiligen Bartolomäus nach Roccamorice geholt und in einer langen Prozession zurück in die Einsiedelei getragen. Es ist das Wochenende der Auswanderer, die anlässlich dieses Festes in ihren Heimatort zurückkehren. Aus Amerika, Australien, Deutschland, Frankreich. Die Verbindung innerhalb der Familien ist stark.
   All das geht mir durch den Kopf, als ich dort oben stehe und schaue. Es sind Momente, in denen nicht nur der Himmel mit dem Meer verschwimmt, sondern auch der Klang der Worte, das feine Wehen des Windes über dem Gras, irgendwelche Lieder, der Ruf des Wiedehopfs, Grillengezirp, die nur angenommenen Geräusche, wenn weit hinter uns eine Schafherde zieht, alle diese merkwürdig schönen Gedanken, die mit den Erinnerungen an gestern, vorgestern und an längst vergangene Zeiten eins werden.

San Clemente a Casaurea, 05. Juni 2020 (sechster Tag)
Eines der Bücher, mit dem ich vor über dreißig Jahren zumindest in den Abruzzen herumlief, war Roger Willemsens Kunstreiseführer der Region. Herausgegeben im DuMont-Verlag bietet die Reihe solides bis anspruchsvolles Material über kunsthistorisch bedeutsame Orte oder Gegenden. Mitte der Achtziger war die Materialdecke für Abruzzen-Reisende so dünn gewebt, dass Willemsens Werk auch als normaler Reiseführer diente. Es war nicht die schlechteste Herangehensweise an ein neues Terrain, weil der mediale Alleskönner Roger Willemsen nicht nur sein fabelhaftes Wissen preisgab, sondern auch viel kulturellen Beifang einbrachte. Die herbstliche Szene in Fossa, als die Frauen auf der Piazza Tomaten einkochten und dabei Lieder sangen, deren Texte bis ins Anzüglich-Frivole reichten, ist mir ebenso gegenwärtig wie die charmante Stelle im Buch, in der er den Kustoden der Kirche S. Pietro ad Oratorium bei Capestrano huldigt.
   Ein weiterer Name ist wirkungsmächtiger, weil sich Willemsen explizit auf ihn bezieht und anführt, dass sein Buch durch die Vorlage eines anderen Werks entscheidend beeinflusst ist. Es geht um den Gelehrten Otto Lehmann-Brockhaus und sein Buch »Abruzzen und Molise. Kunst und Geschichte«, welches 1983 beim Münchener Prestel Verlag herauskam. Die Inhalte, die Willemsen aus dem Lehmann-Brockhaus-Buch zitiert, machten neugierig und auch die Häufigkeit seiner Verweise ließ mich aufmerken. Eine Anfrage in der Buchhandlung allerdings ließ mich von meiner Bestellabsicht Abstand nehmen, denn die verlangten 245 Mark erschienen mir als herausfordernd hoch. Wollte oder sollte ich wirklich so tief in die Materie eindringen?
   Als sich die Gruppenreisen in Abruzzen ab 1995 etablierten und Ideen eigener Veröffentlichungen über die Region heranreiften, entschloss ich mich doch, das Opus magnum zu kaufen. Ich wusste mittlerweile, dass es sich bei Otto Lehmann-Brockhaus um den früheren Direktor des Deutschen Kulturinstituts in Rom und den Leiter der Bibliotheca Hertziana handelte, einem Kunsthistoriker und Hochschullehrer mit Stationen in Deutschland, Italien, Spanien und Jugoslawien. In seinen langen römischen Jahrzehnten seit Ende der dreißiger Jahre war er immer wieder zu Fuß und mit dem Fahrrad in den Abruzzen und der Nachbarregion Molise unterwegs, forschend, schreibend, fotografierend.
    Otto Lehmann-Brockhau war einer der ersten deutschen Wissenschaftler, der die Abruzzen aus dem kunsthistorischen Schmähwinkel herauslöste, weil er schon Mitte des 20. Jahrhunderts erkannte, dass die Region an hohen Kunstschätzen wesentlich mehr besaß, als Giorgio Vasari, Giovanni Boccacio oder Heinrich Wilhelm Schulz ihr zugestehen wollten. Darüber hinaus gibt es auch in Italien bis heute kein Werk, das in derart umfassender Weise den Zusammenhang von Kunst und Geschichte beschreibt.
   1997 trafen wir (Angela Natale und ein weiterer Freund) Otto Lehmann-Brockhaus in Rom, wir wollten ihn kennen lernen, befragen und fotografieren, um ihn in die Reihe »Menschen in den Abruzzen« zu integrieren. Es war ein Sonntagabend im Frühling, als wir Gäste von Lehmann-Brockhaus und seiner Frau waren und die wohl wichtigste Antwort, die er uns gab, lautete: ›Für ihn seien die Abruzzen die Region mit den bedeutendsten Kunstschätzen in Italien‹. Am Rande unseres Austauschs erfuhren wir, dass ihm die Eloge Williams unbekannt war, ebenso wie er ausführte, das Werk als Band der Bibiotheca Hertziana publiziert zu haben und deswegen auch nie Honorar dafür nahm. Wir verstanden, dass sein Buch die Ergebnisse von fünfzig Jahren Forschung konzentriert, seine Intention war die Veröffentlichung dieser Ergebnisse, als Wissenschaftler hatte er erreicht, was er anstrebte.
   »Abruzzen und Molise. Kunst und Geschichte« ist kein kunsthistorischer Führer, der sich dazu eignet, unter dem Arm in Kirchen oder Paläste mitgenommen zu werden. Das Buch ist schwer, groß und unhandlich (und mir zu wertvoll, es auf Reisen dabei zu haben). Der Band von Roger Willemsen hingegen ist trotz meiner vieler Einmerkzettel und Notizen handhabbar noch und immer eine feste Größe im Erwerb weiteren kunsthistorischen Wissens — Wissen, das subito eingesetzt werden soll. Wenn wir, so wie heute, vor dem Portikus von S. Clemente a Casaurea stehen, der berühmtesten Kirche der Abruzzen, dann ist es Roger Willemsen, den ich zitiere. Sein Satz, dass »die alte Abteikirche der Zisterzienser den Übergang von der Romanik zur Gotik so sinnfällig macht, wie kein anderes Bauwerk« der Abruzzen, ist mehr als ein Grundgedanke. Er fasst alles zusammen, was San Clemente ausmacht.

Castel del Monte, 06. Juni 2020 (siebter Tag)
Kann man sich so etwas Abstraktem wie der Weite annähern? Das hieße dann, hier, oder da, oder dort begänne die Weite. Da wo wir stehen, noch nicht, aber da vorne, dort an der Kante, da beginnt sie und dort, ganz hinten an dem Bergmassiv, hört sie möglicherweise wieder auf. Hat Weite also einen Anfang und ein Ende, ist sie eingrenzbar?
   Bereits 2004 taufte ich die Tour, deren Strecke wir heute gehen, »Annäherung an die Weite«. Die Jahre vorher übersah ich das Gebiet des Gran Sasso Gebirges bewusst und weitgehend. Beschäftigte mich lieber mit den Gebirgszügen des Nationalparks Abruzzen, des Sirente, der Majella — doch für ›La bella Addormentata‹, wie Gabriele d’Annunzio den Gran Sasso zärtlich koste, hatte ich weder Zeit noch Energie. Vielleicht war es auch nur so, dass mein Respekt vor eben der Weite zu groß war, ich sie nicht fassen konnte. Oder fassen wollte, weil ich ahnte, dass die große Hochebene des Gran Sasso vor der Kette der Einzelgipfel des Corno Grande, der Monti Scindarella, Brancastello, Prena, Camicia, Tremoggia, Siella mehr als nur Ortskenntnis verlangt.
   Für mich ist der Altopiano des Campo Imperatore nicht nur eine Hochebene. Es geht bei seiner Würdigung um mehr als den riesigen Wiesenboden von dreißig Kilometern Länge und sieben in der Breite.  Auch um mehr als die annähernd dreitausend Meter hohen Berge, die ihn ansteigend von lächerlichen siebzehnhundert Metern im Süden, Westen und Norden umschließen. Die ihn in ihre Armbeuge nehmen, als wollten sie sagen, lass dich vom Getrampel der dreihunderttausend Schafe nicht verrückt machen, die jahrhundertelang auf dir grasten. Nicht von der Kälte des Winters, von der heißen Sonne im Sommer, von den Meeren der Veilchen in blau und gelb, vom steinernen Geschiebe, das wir auf dich hinunterdrücken und das dich an manchen Stellen zerreißt, von dem Wind, der über dich rast und nicht zulässt, dass Bäume auf dir wachsen, sondern nur wenige Büsche. Wir beschützen dich, wir betten dich an unsere Hänge, wenn sich die Elemente begegnen und du es aushalten musst, dass über uns die durchsichtige Seide der Wolken weht oder schwerer Regen auf dich fällt oder brokatschwere Gewittergewalten drohen. Schließlich: Hier darfst denen, die den Weg zu dir finden, das Staunen schenken.
   Und natürlich brauchte ich Zeit, all die Stereotype, die falschen Vergleiche, die misslungenen Metaphern aus meinem Kopf zu schütteln. »Little Tibet» nennen sie den Campo Imperatore in der Werbung, wohl weil ihnen ›Die schöne Schlafende‹ zu wenig spektakulär oder zu kurvig-lasziv ist. Dabei hat er seine eigene heilige Aura, tief verbunden mit dem Land Italien, deren Hochkulturen schon vor den Römern blühen, mit eigener Sprache und eigenem Alphabet. Ovid kommt aus Sulmona, er sieht den Kranz der mächtigen Berge um seinen Heimatort, gewiss hat die Magie der italischen Landschaften auch seine Metamorphosen inspiriert. In Tibet käme niemand auf die Idee, das Hochland auf dem Dach der Welt »Big Abruzzo« zu taufen.
   Es soll also eine andere Art des Herangehens sein. Deswegen vollziehen wir den Bogen nach, den die Berge um ihn legen. Oberhalb von S. Stefano di Sessanio folgen wir einer ›Strada bianca‹, wie die weißen Feldwege in Italien heißen. Linsenfelder, Orchideenmatten, einsame Äcker, ein Steinhaufen in Herzform und oberhalb der ersten Anhöhe eine Ansammlung von Schwarzkiefern. Nochmals eine Steigung, eine Kreuzung zweier Pfade. Der linke führt hinab zu einem Tümpel, der rechte weist auf eine gefährlich hohe, weil sehr dünne Mauer. Einst ein Kloster, schon vor ewigen Zeiten verlassen, ist S. Maria del Monte heute nur mehr ein steinernes Karree. Germer und Krokusse werden von Böen geschüttelt, der Weg ein Band aus Trittspuren, vor uns ein Talkessel, der sanft abfällt und zum hinterer Rand hin ebenso weich ansteigt. Dahinter und mit aller Macht — der Berg.
   Es ist der Monte Camicia, der sich aus dem Felsgewirr des Monte Prena löst und pyramidengleich in den Himmel ragt. Eine montane Kombination: Sechs, sieben Orgelpfeifen aus Kalk, ein Felshäubchen darüber und eine Mozetta, ein weiter, tief reichender grauer Kragen aus Schotter darunter. Vor dem Berg liegt die vorher beschriebene Ebene. Doch erst auf dem Kamm des hinteren Talkesselrands ermessen wir ihre Ausdehnung. Übermorgen steigen wir von Castel del Monte zur Ostseite auf, wandern zum Fuß eben jenes Monte Camicia, dann entlang des Bergsaumes und in einem Halbkreis um die flache Kuppe des Monte Paradiso, der sich vorlaut zwischen die Süd- und Nordkette schiebt und den Campo Imperator genau in seiner Mitte unterbricht.
   Nachsatz: Ich gebe gerne zu, dass mich die Begeisterung eines Freundespaares immer wieder mit Freude erfüllt, sehe ich ihre leuchtenden Augen, wenn sie vom Campo reden. P. und Ä. wohnen in einem Dörfchen in der Nähe und ich weiß sie im Jahreslauf zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten auf der Ebene. Laufend, sitzend, schauend, staunend, die Endlosigkeit der Weite spürend.

Castel del Monte/Pacentro, 07. Juni 2020 (achter Tag)
Ausgerechnet George Clooney. Wie fange ich an, wenn mit der Erwähnung eines Namens Gefahr droht, ein Restaurantportrait in den Abruzzen rutschte auf die seichte Bahn? Ob Tom Waits hilft? In der Hoffnung, er relativierte das Schaffen Anton Corbijns? Ich hörte die Musik von Tom Waits erstmals an einem Sonntagnachmittag in einem Lokal. Ich war am Gehen und blieb doch, der Song wirkte und irritierte, bis der Bekannte neben mir sagte: »Eigenartige Barmusik, aber ziemlich gut. Waits.« Genau. Tom Waits, der auf den Fotos von Anton Corbijn oft irritierend aussieht, als warte er darauf, erst einmal wachgeküsst zu werden.
   Anton Corbijn ist mit seinen Schwarz-Weiß-Fotos von Rockstars bekannt geworden, satte, tiefschwarze Töne, harte Kontraste, allegorische Auftritte wie Mick Jagger mit der Hornmaske oder die einsame Björk im Seitenlicht der Londoner U-Bahn. Grandiose Bilderwelten. Irgendwann wagt sich Corbijn an Filme, dreht viele, viele Musikvideos, dann Spielfilme. Die Geschichte des Sängers der Band Joy Division ist stilprägend. Schließlich entsteht in den Abruzzen der Thriller ›The American‹. In der Hauptrolle George Clooney. Er spielt in Castel del Monte, dem Ort, in dem wir seit gestern wohnen. Sicher die Hälfte der Bevölkerung von Castel del Montes ist als Statisten dabei und die Erinnerungsfotos mit George Clooney hängen noch heute in jeder Bar im Ort.
   Für eine Szene aber sind sie nach Pacentro gegangen, in das Lokal, in dem wir heute essen. Es ist die ›Taverna dei Caldora‹ und der Wirt, Carmine Cercone, schlüpfte in die Rolle seines eigenen Kellners. Bei der Szene wusste ich, dass jeder Schauplatz des Films stimmt und das Casting nur Drehorte suchte, die für authentische Bilder gut sind.
   Die ›Caldora‹ jedenfalls gehört zu den besten Restaurants der Abruzzen. Die Familie, die es betreibt, ›hält die von Ackerbau und Viehzucht geprägte Identität ihrer Küche hoch‹, lobt Slowfood. Es liegt an der Hauptstaße des Ortes, unter einem Torbogen. Wer das Wirtshausschild sucht, findet ein unbeleuchtetes, aus Holz geschnitztes Tableau und rechts hinter dem Eingang eine kleine Enoteca, bevor zwei Treppen hinab in die Gasträume führen. Zu sagen, der hohe, tonnengewölbte Raum ist Gabriele D’Annunzio gewidmet, ist nicht ganz richtig, denn eigentlich ist es eine Auswahl von gut vierzig Frauen, die er ehrt, Gefährtinnen des Dichters. Es gehört neben den Diskussionen über das Essen zu meinen stimulierendsten Erlebnissen, Carmine zuzuhören, wenn er das Liebesleben d’Annunzios und ausgesuchte Liaisonen durchleuchtet. Er tut dies wissend, beredt und sachlich, mit unübersehbarem Schalk in seinen Mund- und Augenwinkeln.
   Das Essen selbst ist ein Hochamt, wir haben bis auf den Secondo ein Menü mit ausschließlich vegetarischen Gängen bestellt. Die Kellner und auch Carmine selbst tragen als Antipasti unter anderem lauwarmen Ricotta von der Ziege mit warmen, gerösteten Brot auf, eine Frittata mit Orapi (Guter Heinrich), angedünstete Fave (Dicke Bohnen) in Öl mit ein wenig Zwiebeln, kurzgebratene Zucchini mit Kräutern, Blumenkohl mit Staudensellerie, Mozzarella di bufala, Rucola mit mildem Pfeffer. Die Primi folgen, zunächst Maltagliati mit Pilzen, dann Tortelloni mit Ricotta und Tomaten. Später ein Lamm, sehr fein, mürb und saftig und als Dolci nicht nur eine Creme chantilly mit Schokospänen, auch eine Pizza dolce und selbst gemachte Biscotti. Schließlich Caffè und als Digestivo Ratafia.
   Pacentro liegt oberhalb von Sulmona, dort, wo der Morrone-Bergzug an die Majella stößt und ist Schauplatz eines berühmten Festes, der ›Corsa degli Zingari‹ (dem ›Lauf der Zigeuner‹): Alljährlich im September rennt eine Horde junger Männer barfuß über Stein und Dornen, durch Astwerk und Gesträuch den Berghang herunter und wer als erstes in der Kirche ankommt, hat gewonnen. Nicht nur der versehrte Sieger, auch die Nachzügler werden unter dem Allerheiligsten ärztlich versorgt, denn ihre Fußsohlen haben schrecklich gelitten. Natürlich hat auch diese Veranstaltung einen mythologischen Hintergrund, es gibt unterschiedliche Interpretationen und Parallelen in anderen Orten Italiens.
   Vor ein paar Jahren und nach einer langen administrativen Prozedur gelang es der Familie Cercone, außerhalb ihres zweiten, des gläsernen Gastraumes, für ihre Gäste eine Terrasse zu bauen. Der Blick von dort nach Norden ist, wie man so sagt, ›unbezahlbar‹. Den Talkessel von Sulmona zu Füßen, Gran Sasso und Sirente in der Ferne, der Morrone ganz nah. Mit diesem Bilderbuchpanorama ist es leicht zu verschmerzen, dass die Corsa auf der anderen Seite ausgetragen wird ...

Castel del Monte, 08. Juni 2020 (neunter Tag)
Heute also geht es nochmals auf die große Ebene. Direkt von Dorf aus, die Gasse hoch, an der Kirche S. Donato, des Schutzpatrons von Castel Monte vorbei, die Straße überquerend, den Hang hinauf und dem ›Tratturo‹ zur Passhöhe folgend. ›Tratturi‹ sind ›Schafwege‹. Ihr Netz ist eine Art Struktur zweiter Ordnung in den Abruzzen, weil es sie überall gibt. Doch seit die Schäferei und die Bewirtschaftung der einst riesigen Weideflächen stark zurück gegangen sind, sind sie vielerorts nicht mehr in der allgemeinen Gedankenwelt vorhanden, den Sinnen entflohen, ist die Ordnung drittklassig geworden.
    Bis in die achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts waren sie unabdingbar, sie bildeten sie das Geflecht der Wanderschäferei, das Maschenwerk der Wege, um nach Apulien zu kommen, um die Schafe vor dem Einbruch des Winters nach Süden zu schicken. Am Meer entlang oder im Binnenland, auf den Tratturi im Rahmen der Transumanza. Heute dienen sie nur den Übriggebliebenen. Den Resten einstmals großer Herden, den rar gewordenen Hirten, die ihrer zehn nicht dreitausend, sondern sehr einsam dreihundert Tiere weiden.
   Oder uns Wandervolk, die wir auf den Spuren jener Herden gehen und uns glücklich schätzen, dass es die alten Wege noch gibt. Für uns steht das Gras höher, es dürfen sich die Hundsrosen weiter ausbreiten als damals, als die Schafe sich ihre Schneisen durch die Wiesen fraßen. So bestaunen wir heute die unversehrten Bestände von Hummelragwurz, Brand- und Purpurknabenkraut, die vom Appetit der Schafe zwar verschmäht, von den scharfen Hufen jedoch selten geschont wurden.
   Über dem Pass kommend erfahren wir, dass in der kurvigen und weiten Schlucht unter uns Spielfilme jeder Art gedreht wurden. ›Lady Hawk‹ hieß eine der hier gedrehten Esoterikschmonzetten. Bud Spencer und Terrence Hill waren die Protagonisten etlicher Spaghetti-Western, deren Saloons ein Stück weiter an der Straße heute noch erlebbar sind. Fellini, Tornatore, Taviani, Milani, Annaud, Donner, Tovoli, Monicelli, Barboni, Deodato, Yates, Sands — es ist eine lange Liste von Filmemachern, die hier arbeiteten. Selbst für ›Der Name der Rose‹ fanden sich kurze Perspektiven auf dem Campo Imperatore, zum Beispiel jene mit William von Baskerville und dem Novizen Adson von Melk im Schnee und in mystischer Landschaft.
   Zwei Stunden später weiter haben wir die Schlucht hinter uns gelassen und orientieren uns am Monte Camicia. Sanft geht es eine Art Vorberg hinauf und immer fällt mir an dieser Stelle ein, was sich bei der allerersten Tour 2004 vor unseren Augen abspielte. Eine Rotte von gut dreißig Wildschweinen raste von rechts, vom Monte Prena her kommend, vor uns über die Kuppe, die Tiere ließen sich weder von uns noch von der Kuhherde, die am Monte Paradiso weidete, beeindrucken. Die wilde Stampede endete mitten unter den Rindviechern und es war ein seltsames Bild, als sich Keiler, Sauen und Frischlinge zwischen den Wiederkäuern sammelten und anschließend gemach über den Kamm des Berges verschwanden. Auch eine Begegnung von Kultur und Natur ...

Bucchianico, 09. Juni 2020 (zehnter Tag)
Natalia Ginzburg: Pizzoli. Alberto Levi: Rocca di Mezzo. Ugo Fedeli: Bucchianico. Guiseppe Scalarini: Bucchianico. Vier Persönlichkeiten, drei Orte. Vor unserer Zeit (und unsere Zeit besteht noch nicht lange) waren die Abruzzen fern, ihre ruralen Zonen abgelegen, ihr Raum wurde als finster, wild und gefährlich bezeichnet, Reisende waren selten. Die Abruzzen waren neben aller Armut und Rückständigkeit eine Region, in die missliebige Menschen verbannt wurden. Ihre Berggegenden taugten als Exil, sie lagen am Ende der Welt.
   Ursprünglich sollte das Fest des heutigen Tages in Fossa bei L’Àquila stattfinden, im Theater, das Freund*innen und Gäste von Erde und Wind nach dem Erdbeben von 2009 mit vielen Spenden halfen, zu renovieren, doch das kleine Hausorchester von Fossa hat sich aufgelöst und eine neue Formation ist noch nicht gegründet. So planen wir um, ziehen nach Bucchianico. Wir sind dort Gast im ›Chiostro del Comune‹ und lauschen dem Musikprogramm, das Sabrina Natale mit ihrer »Arsmusica Fara San Martino« für uns aufführt. Erde und Wind feiert sein Abruzzen-Jubiläum: 25 Jahre und sechzig Reisen. Es gibt alte und moderne Klassik, Anlehnungen an Jazz und Interpretationen zeitgenössischer Folklore.
   Bucchianico selbst ist ein schön gebliebener Ort, der an und auf der Tafel eines Berges liegt, nahe zu Chieti und nicht weit von Pescara. Seine Umgebung ist ländlich, Wein, Ölbäume, eine vielfältige Landwirtschaft gedeihen, der Boden fruchtbar, das Klima mild, Meer wie Berge nicht weit. An berühmten Persönlichkeiten bieten sie vor allem den Gründer der Kamillianer, den Kapuzinerpater ›Kamillus von Lellis‹ auf. Im 18. Jh entstanden im Zentrum des Ortes eine Reihe von Adelspalästen mit mächtigen Kellern. Zudem wurden Mühlen und Lagerhäuser betrieben. Gewerbe gibt und gab es nicht viel, im Dorf ist heute eine große historische Ölmühle zu besichtigen, die von der Unternehmerin Francesca Di Nisio auch touristisch genutzt wird.
   In der Via Orientale 39 betreibt die Familie Ferrara ihr Restaurant. Claudio, seine Mutter Assunta und Vater Raffaele führen den Betrieb und führen eine lange Tradition fort. Bereits 1925 arbeitete einer ihrer Vorväter in Bucchianico als Koch. Nach dem zweiten Weltkrieg wandert ein Teil der Familie nach Venezuela aus, ein Schicksal, das viele Abruzzesi teilten. Zwei Jahrzehnte blieben die  Großeltern von Claudio mit Assunta in Lateinamerika. Nach ihrer Rückkehr gründen sie 1969 ihr Gasthaus und heute ist das Ristorante Ferrara eines der besten Lokale im weiten Umkreis.
   Bevor ich mit den Gruppen begann, dort einzukehren, war ich mit Angela und Giuliano mehrmals dort essen. Mir gefällt die schöne Aussicht vom Gastraum. Akazien stehen vor den Fenstern, Äste und Zweige wiegen sich im Wind, sie erscheinen licht, lassen den Blick auf die Landschaft um Chieti frei. Eines Tages nehmen mich die beiden wieder mit ins Ferrara und kündigen an, mir eine Überraschung zu bescheren. Wir nehmen nicht an einem der Tische im Restaurant Platz, zuerst soll ich durch ein Fenster im Fußboden blicken und dann mit ihnen die Treppe in den Keller steigen. ›Aha‹, denke ich, ›es geht in die Cantina, in den Weinkeller‹. ›Ja‹, sagt Angela, ›aber er hat sich verändert‹.
   Es sind drei Räume, die Giuliano ausgebaut hat. Er ist als Architekt auf die Renovierung alter Bausubstanz spezialisiert und ihm ist Mut und Kompetenz, Altes mit Neuem zu verbinden, gleichermaßen zu eigen.
   Im ersten Keller funkeln Wein, Sekt-, Likör und Wassergläser — der Ausschank. Im zweiten Gewölbe liegen auf einer großen Tafel vielerlei Käsesorten. Sie heißen Pecorino, Mozzarella, Caciocavallo, Scamorza, Ricotta von der Ziege und vom Schaf, Ricotta affumicata, der berühmte Gregoriano von Gregorio Rotolo, heimischer Gorgonzola, Trecce di Agnone (Mozzarella-Zöpfe),  Burrata, Caciotta. Dazwischen Schalen mit Oliven, Platten mit Obst. Immer wieder taucht ein Kellner auf, der Focacce serviert, auch die mit dem unwiderstehlichen Lardo di Colonnata. Der dritte Raum schließlich gehört den Fleischwaren: Salame, Salsicce, Salsiciotti, Mortadella, Prosciutto, Ventricina del Vastese. In den drei Kellern gibt es nur eine Wanddekoration: Es sind tausende von Weinflaschen, denn es war und ist  eine Cantina, ein Weinkeller, in dem wir uns den Antipasti hingeben. Nie fragte ich Claudio, welche Idee er mit diesem Schlaraffenland verfolgt. Ich nehme an, es ist der Stolz einer angestammten wie weitgereisten Familie auf die Kostbarkeiten ihres Landes. Der Stolz darauf, dass sie es sind, die sie ihre Gäste damit verwöhnen dürfen. In historischen Räumen und formidablem Ambiente.
   Und das Exil? Kehren wir zurück zu zwei der Eingangsnamen. Ugo Fedeli ist in den 20er Jahren ein wichtiger Aktivist der anarchistischen Bewegung in Europa, in deren Kreisen sich auch Sacco und Vanzetti finden. Fedeli stammt aus Mailand, zur Zeit des Faschismus verbannten sie ihn nach Bucchianico. Assuntas Vater kocht für ihn, weil seine Osteria das damals einzige Lokal in Bucchianico war. Am Ende des Krieges ist Fedele acht Monate Bürgermeister von Bucchianico, er stirbt 1964 in Ivrea. Der andere, Guiseppe Scalarini, auch er Anarchist, auch er Gast bei Assuntas Vater, ist Vignettista (Karikaturist) und zeichnet für die sozialistische Parteizeitung ›Avanti!‹. 1926 wird die Zeitung geschlossen, Scalarini schwer misshandelt und auf Ustica, Pantelleria und einige Monate nach Bucchianico verbannt.
   Natalia Ginzburg schreibt in ihrer Kurzgeschichte ›Winter in den Abruzzen‹ über das Exil: ›Und doch war jene Zeit die beste meines Lebens, und erst jetzt, da sie für immer entschwunden ist, erst jetzt weiß ich es.‹
  Ob die Sätze Ginzburgs auch für Ugo Fedele und Guiseppe Scalarini gelten? Ich halte es für möglich. Nicht, weil Assuntas Vater gut gekocht hat, das wäre abwegig. Eher, weil in den Abruzzen, wie Ignazio Silone es in den Worten von Uys Krige sagt, die Herzensgüte zu Hause ist und weil es zahlreiche gültige und  aufrichtige Zeitzeugen gibt. Stellvertretend für sie stimmte Südafrikaner Krige, der als Kriegsgefangener der Deutschen mit den Schäfern von Roccacasale über die Majella flüchtet und deswegen überlebt, einen Lobgesang auf die Hilfsbereitschaft der Menschen in den Abruzzen an.

Castel del Monte, 10. Juni 2020 (elfter Tag)
Im Grunde war es die Gitarre, mit der alles anfing. Sie lag quer auf dem Tisch, einfach so, als hätte Marcello noch vor zwei Minuten darauf gespielt, dann ans Telefon gehen müssen und bevor er wieder nach ihr griff, kam ich zur Türe herein. Das Lokal war geschlossen, ›chiuso nel pomeriggio‹, aber die Türe war nur angelehnt und weil ich erfahren hatte, dass die Schäferei von Giulio Petronio ihr Lammfleisch an die Osteria del Lupo verkauft, fuhr ich gleich hin. Ich stellte mich vor, sprach von meinen Gruppen, mit denen ich ab nächstem Jahr kommen wolle, fragte nach der Möglichkeit, hier zu essen.
   »Ja, klar geht das, warte, ich rufe Stefano, meinen Sohn. Er ist nämlich er Koch.«
Und bevor er durch die schmale Tür zur Küche verschwindet, dreht er sich um, lächelt und sagt:
   »Stefano kocht gut.«
Ich stehe also zwischen den Tischen, schaue auf die Gitarre, fahre mit dem Finger über die Saiten. Dann nehme ich sie und greife ein paar Töne, als Marcello seinen Kopf wieder durch die Türe steckt.
   »Kannst du spielen? Welche Musik?«
   »Ein bisschen Blues«.
   »Oh«, sagt er, »das ist gut.«
Dass er dann seine zweite Gitarre holt und wir eine Viertelstunde schrammeln, ist im Nachhinein gar nicht so wichtig. Es war auch nicht die Zeit, Details der Essen im nächsten Jahr zu vereinbaren, weil ich ja erfahren hatte, Stefano würde gut kochen und die Plätze für uns reichten. Er fragt, wo ich mit den Gruppen unterwegs sein wolle. Ich schildere ihm den Rundweg vom Rifugio Ricotta zum Val Voltigno. Seine Augen leuchten und er schwärmt, dass er erst letzten Sonntag mit einigen ›Amici‹ dort gewandert sei. Jetzt gesellt sich auch Stefano mit seiner Freundin Marianna dazu. Ob ich nicht noch bleiben, wolle, zum Essen, ab sieben?
   Es hat sich wenig verändert in den letzten siebzehn Jahren. Stefano kocht inzwischen noch besser, Marianna und er sind Eltern geworden und Marcello Großvater. Sie haben den kleinen Kiosk umgebaut und die hinteren Räume renoviert. So ist ein neues Lokal entstanden, »weil die Plätze in der Osteria eh nie reichen, verstehst du?« Stefano kocht mit Kräutern der umliegenden Wiesen, seine Nudeln macht er selbst (Surgi e Volaci), neben den Lämmern von Giulio gibt es auch Rind (in Montepulciano gebeizt) und alles in allem habe ich mehr denn je das Gefühl, es nicht mit Geschäftspartnern, sondern mit Freunden zu tun zu haben.
   Ähnlich geht es mir mit Alessandro, dem schlanken Mann mit den weißen Haaren und dem lachenden Gesicht. Früher war er Ingenieur bei Siemens Italia, heute führt er Gäste durch den Centro Storico und bringt ihnen die Geschichte des Ortes näher. Mich unterstützt er in meiner Arbeit und vermittelt mir Termine bei den Schäfern, damit ich sie fotografieren kann. Nur auf unseren Wanderungen begleitet er uns nicht. Wahrscheinlich, weil wir ihm zu langsam gehen. Er selbst läuft lange Strecken als Sportler, ist durchtrainiert und stets schnell unterwegs. Unsere Route ins ›verborgene Tal‹ kennt er gut.
   Ein paar hundert Meter hinter dem Pass ›Capo la Serra‹ lassen wir Hans und seinen Bus stehen und machen uns auf den Weg in östliche Himmelsrichtung. Zuerst durch offene Landschaft mit drei, vier Enzianarten, vorbei an Pfingstrosen und Orchideen, an Faulbäumen, deren schwarze Früchte im Herbst der Bär frisst, Hainbuchen und Hollerstauden. Dann öffnet der Wald sein Tor. Anfangs licht und fleckig, später hoch und dicht, Eibenzweige muten dunkelblau an, die Blattunterseiten der Mehlbeere weiß, weißgrau die Rinden der Buchen. Bergahorn und Stieleichen tauchen auf, Wiesen wechseln sich ab, matschige Wegstücke sind zu gehen, Wildschweinkuhlen und Felsen zu beiden Seiten und, wie wunderbar, ein blühender Seidelbaststrauch, der seinen intensiven Duft bis zur Wegkrümmung aussendet, schließlich ein Gefild Narzissen.
   Bevor der Pfad steil nach unten fällt, zeige ich nach rechts. Ein paar Schritte sind es noch zum Mittagsrastplatz. Zwischen Felsbrocken und Pfingstrosen sitzen wir mit dem Blick auf ein weites grünes Wiesenland, das von Buchenwäldern hermetisch eingeschlossen ist. Das Val Voltigno, das verborgene Tal.

Castel del Monte, 11. Juni 2020 (letzter Tag)
Eines noch, bevor wir fahren, weil es uns gerade in Castel del Monte leicht gemacht wird, außer den Eindrücken, die in den eineinhalb Wochen entstanden, Materielles mit nach Hause zu nehmen. Schon gestern Abend und auch heute Morgen hat Mariella ihren ›Alimentari‹ für uns außerplanmäßig geöffnet. Der Andrang ist groß. Mit ihrem Mann, auch er heißt Alessandro, betreibt sie am westlichen Ende der Hauptstraße einen Spezialitätenladen. Es ist eine Familie von Bauern und Schäfern. Sie teilen sich die viele Arbeit des Käsens, Melkens, Schweinzüchtens und der Erziehung ihren beiden Töchter. 2015 durfte ich am Campo Imperatore zusehen, wie er mit einem seiner Hirten eine ganze Schafherde molk. Zu viert waren sie, ein weiterer Hirte und sein Vater, der die Tiere beaufsichtigte. Seither ist meine Achtung vor ihnen und ihrem harten Broterwerb noch gestiegen.
   Sie verkaufen vor allem ihre eigenen Produkte. Pecorini in allen Reifestufen, Ricotte, Würste, Schinken, frisches und luftgetrocknetes Fleisch. Dazu Hülsenfrüchte, Pasta, Wolle, Wein, Olivenöl, Craft-Bier, Marmelade, Honig ... ach, eigentlich alles, was das Herz begehrt. Im Laden hängen Fotos von den beiden, Alessandro ist ein markanter Mann, mit einer Zigarre im Mund und einem Stetson auf dem Kopf sieht er aus wie eine Mischung aus Django und Clint Eastwood in jungen Jahren. Eigentlich geben die beiden den Idealtypus einer italienischen Familie ab.
   Mir gefällt, dass es kurze Wege sind von der Erzeugung zur Vermarktung oder zum Verzehr im Dorf. Die Sommerweiden auf der Hochebene, die Stallungen hinter dem Dorf, die Kundschaft auf der Piazza und das Restaurant der Schwester, oben an der Kurve, im neu renovierten Hotel. Lammfleisch aus Neuseeland? Blödsinn.
   Vorher sind wir kofferschiebend an der Osteria del Lupo vorbei gegangen, Marianna stand in der Türe, Stefano hinter ihr, Marcello tauchte aus dem Nachbarhaus auf — und sie können gar nicht verstehen, dass wir nicht mehr Zeit haben und zumindest noch einen Caffè, ihretwegen auch einen Cappucino trinken.
   Es sind Rituale, die sich stets gleichen. Sie wissen, dass ich wieder komme, ich weiß es auch und von der Gruppe haben etliche gesagt, es sei nicht das letzte Mal. Die Abruzzen sind keine Region, sie sich schnell erschließen oder gar überfliegen lässt. Also geht es nach Hause, Hans schlägt die Route über den Campo Imperatore vor. Wenn schon Abschiedsblicke, dann gefühlsschwere. Bis bald, wir sehen uns.