ZU FUSS DURCHS WILDE HERZ ITALIENS

Donaustauf,  August 2020

»Die Abruzzen gehören zu den faszinierendsten Landschaften in Europa«, sagt Herbert Grabe. Und er muss es wissen. Als Reiseveranstalter, Fotograf und Künstler führt er seit 1995 Gruppen durch verschiedene, landschaftlich und kulturell außergewöhnliche Regionen Europas – wie die Extremadura, eine Provinz im Südwesten von Spanien oder die Gallura, eine Granit-Region im Nordosten der italienischen Mittelmeerinsel Sardinien. Doch keine ist ihm so lieb und teuer wie die Abruzzen, jene touristisch wenig erschlossene Gegend in der Mitte Italiens. Ein Drittel der Region besteht aus Nationalparks, wie den Gran Sasso- oder den Majella-Nationalpark, was den Abruzzen den Beinamen »das grüne Herz Italiens« eingebracht hat.

    In diesem Frühjahr sollte Herbert Grabes 60. Wanderreise in die Abruzzen stattfinden. Wegen der Corona-Pandemie war das nicht möglich, doch in der Krise sah der Oberpfälzer eine Chance für etwas Neues: Anstelle des Gruppenprogramms hat er ein Wander-Projekt nur für sich und zwei Freunde auf die Beine gestellt und eine Route ausgetüftelt, »bei der jeder Schritt eine Entdeckung bringt«, so Grabe. »Wir verlassen die bekannten Routen und gehen zu Fuß durch Italien«. Vom Kur- und Badeort Formia an der Küste der Provinz Latium werden die drei Freunde über den Gebirgszug des Apennin bis nach Ortona wandern. Die Stadt liegt südlich-östlich von Pescara an der Adria-Küste.»Weil die Abruzzen zu den faszinierendsten Landschaften in Europa gehören, wollen wir sie schon mit der Art und Weise unserer Anreise würdigen. Wir kommen zu Fuß und wandern über den Apennin, wir durchqueren das Land, von einem Meer zum anderen«, fügt er hinzu.

    Neu ist das, was Herbert Grabe ab Anfang September drei Wochen lang tut, eigentlich nicht. Jahrhunderte lang überschritten Wallfahrer und Forschungsreisende den Apennin. Schriftsteller und Maler suchten hier das Freie und den Wind. Verwöhnte Adelige reizte die Exotik der unbequemen Herbergen und Bildungsreisende kamen abseits der ›Grand Tour‹ nach Rom und Florenz in wilden, abgelegenen Täler der Abruzzen. Sie besuchten Kirchen und Klöster, bestiegen Berge oder gingen zum Jagen. Sie schrieben, zeichneten, aßen und dachten nach.

    Im 21. Jahrhundert ist die wilde Landschaft nicht mehr selbstverständlich. Aus kritikfreien Wanderern werden heute Zeitzeugen, die mahnen, dass die Schönheit der Landschaften vergänglich und die Schätze der Abruzzen-Natur bedroht sind. Ahnherr der Mahner ist der preußische Historiker und Italienkenner Ferdinand Gregorovius, der Mitte des 19. Jahrhunderts die Trockenlegung des Fucino-Sees als ›Zerstörung‹ geißelte. Heute wachsen auf dem fruchtbaren Boden des ehemaligen fünftgrößten Binnensees Italiens Weizen, Kartoffeln und Rüben in kilometerlangen Einheitskulturen. Im 20. Jahrhundert formulierte der Schriftsteller Ignazio Silone zum sich gegenseitig bedingenden Verhältnis von Mensch und Natur, dass der ›konstante Faktor der menschlichen Existenz der primitivste und stabilste aller Elemente ist: Die Natur‹.

   Den Materialisten des 19. und 20. Jahrhunderts aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung tritt heute der Wanderer Herbert Grabe entgegen. Er sagt: »Es ist unsere Aufgabe, die Natur offensiv zu schützen — und es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die Kostbarkeiten der Abruzzen bewahren. Denn die Gestalt der Landschaft ist einzig, wie es die Anmut des fliegenden Adlers oder die Farben der Bergwiesen sind. Solche Preziosen gilt es zu behüten, nicht für kleine Münze zu verkaufen.«

Insofern ist auch Herbert Grabe eine Art Wallfahrer, der in einzelnen Stationen von der tyrrhenischen zur adriatischen Küste ziehen wird. Durch den Abruzzen-Nationalpark und den der Majella, vorbei an Naturschutzgebieten, geretteten und bedrohten Landschaften. Er wird Freunde treffen, wie Angela Natale und Mario Pellegrini, die sich seit Jahrzehnten für den Schutz der Natur engagieren. Er wird Partner besuchen, mit denen der seit 25 Jahren zusammenarbeitet: darunter den Wirt Carmine Cercone in Pacentro, in dessen Lokal ein Film mit George Clooney gedreht wurde, den Koch Roberto Decina und die Hoteliers Angelo und Santina in Pescasseroli oder die Wirtin Anna in Sant’Eufemia a Maiella, deren authentische Küche legendär ist. Und er freut sich darauf, einige der Schäfer wieder zu sehen, die er im Rahmen seiner Ausstellungsprojekts ›Transumanza‹ fotografiert hat.

   Herbert Grabe wird auf der Tour in die Abruzzen von seinen zwei Freunden, Rupert Gruber und Ulrich Lenz, begleitet.


Der Zeitraum
Am Dienstag, 31. August, startet das Projekt in Gaeta-Formia am Tyrrhenischen Meer, am Dienstag, den 15. September wollen die Drei in Ortona an der Adria ankommen.


Die Stationen
Gaeta-Formia - Esperia - Cassino - Pescasseroli - Scanno – Anversa - Pacentro - San Eufemia - Roccamorice - Bucchianico – Ortona
(Link auf die Route)