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Text als PDF-Download Von Ulrike Hofmann Wenn Sie unseren Kandidaten, dessen Name und Beruf Sie erraten sollen, an einem Spätnachmittag im Juni unter der Dusche begegnen, wird Ihnen seine markante Hautfärbung auffallen. Die Füße bis zum Knöchel sind alabasterweiß, die kräftigen Waden und Knie braungebrannt. Von der Mitte der Oberschenkel bis zum Ausschnitt des Unterhemdes hat noch kein Sonnenstrahl die Haut gesehen, die Mitte bleibt weiß wie ein griechischer Torso. Arme und Nacken, Gesicht und Hände sind offensichtlich ständig der Sonne ausgesetzt. Tief braun gegerbt verraten sie uns, dass unser Protagonist in der Natur zu Hause ist. Da der Ort des Geschehens ein kleines abruzzesisches Bergdorf ist, drängt sich die Frage auf, welcher Beruf solche prägnanten Streifen formt? Waldarbeiter, Schafhirte, Drachenflieger, Sportlehrer, Steinmetz, Biobauer oder Pferdezüchter? Wenn Sie in dieser Richtung kombiniert haben sollten, liegen Sie nicht völlig falsch aber eben doch total daneben. Das Ergebnis seiner Arbeit liegt bisweilen als Foto vor: Ein Bergrücken, schneebedeckt: KLICK Felsspitzen im satten Grün eines Waldmeers: KLICK Ein Gebirgszug mit azurblauem Himmel, eine Komposition in Blau und Grau: KLICK Ein Bergdorf mit verschachtelten Häusern, eine kubistische Komposition in Umbra und Sierra: KLICK Gelbe Narzissen auf einer Frühlingswiese: KLICK Freunde unseres Protagonisten wissen zu berichten, dass er bei Ausübung letztgenannter Tätigkeit sich nicht stören lässt. Begegnen Sie ihm in freier Landschaft mit Kamera im Anschlag unbewegt vor einer Königskerze, wird er Ihnen auf Ihre Frage, ob die Schlange auf dem Stein da vorne giftig sei, antworten: "Dieser Königskerzenaspekt mit Buchenwald- und Bergmassivsituation - grandios! Jetzt noch die Illumination!" Gehen Sie dann im Schatten der dunklen Wolke beherzt weiter, grüßen Sie die Schlange freundlich und Sie erreichen das Tal noch vor dem Gewitter. Sollten Sie jetzt auf den Beruf des Fotografen schließen, so ist das nur die halbe, die viertel, die achtel Wahrheit. Unsere gesuchte Person kann viel mehr. Ein Lieblingswort in seinem Mund und auf seiner homepage ist DOLCE VITA. Was damit gemeint ist, erleben Sie in der Regel abends ab 20 Uhr, wenn er in einer Gesellschaft von dreißig Personen sitzt, isst und trinkt und lacht und redet. Seine Gesten umschließen, halten fest, formen neu, wehren ab, führen fort. "A geh!", "Noa!", "Moanst?", "Siehgst!", "Ja mei!", wird auch von Ihnen als Nordländer verstanden. Er weiß, was er will und er kennt das Land, das er so gerne bereist, wie seinen Rucksack. Halten Sie direkten Fragen wie "Host net die Spur g'sehn?" stand, auch wenn Sie mit dem Bärendreck, der auf dem Waldweg lag, nichts anfangen konnten, denn Sie werden belohnt. Ihren zaghaften Ausführungen schenkt er einen zugewandten Blick und eine punktgenaue Erläuterung. Sie wird in einem Hohelied auf den abruzzesischen Buchenwald enden, was nichts anderes heißt, als dass Sie jetzt dazugehören. Speichern Sie alles für den nächsten Tag und nehmen Sie sich vor, genauer auf Flora und Fauna und auf Ihre Schritte zu achten. Vorerst "Salute!" Der Rotwein schmeckt unserem Kandidaten, daraus macht er kein Geheimnis. Voraussichtlich wird er auch Ihnen schmecken, da er sorgfältig ausgewählt wurde, wie alle Speisen und überhaupt die Restaurants. Machen Sie jetzt nicht den Fehler und legen sich zu schnell auf den Beruf des Restaurant-Testers fest, obgleich er im Alter damit sein Auskommen verdienen könnte. Jetzt hat er für diesen Beruf zu wenig Sitzfleisch und noch treibt es ihn in Gegenden, in die man sein Essen lieber mitbringt. Doch zurück zu den Restaurants. Wenn unser Kandidat und dreißig Menschen, also eine komplette Schulklasse, beim Eintritt ins Restaurant vom Padrone fröhlich mit "Buona Sera, Erbert!" begrüßt werden, fühlen sich merkwürdigerweise alle wohl. Spätestens dann werden Sie ahnen, dass 'Erberts' Nase schon mal in den Kochtöpfen gesteckt hat. Seine Sorgfalt kommt allen zugute. Denn wo sonst als bei einem gemeinsamen Mahl werden die Eindrücke des Tages beim Erzählen größer und schöner und lustiger? Unseren Kandidaten und die dreißig anwesenden Individuen verbindet in der Regel nur eine einzige Leidenschaft und die kann nur tagsüber und in der Wildnis ausgeübt werden, also gilt es für den Abend vorzusorgen. Unser Kandidat hat diesmal Montepulciano d'Abruzzo und das klare Wasser der Gegend ausgewählt. Im Laufe der Menüfolge wächst die Stimmung. Bei gemeinsamen Abendessen wie diesen findet die Philosophie unseres Protagonisten ihren Ausdruck. Fünf, sechs, sieben Gänge, mitunter zehn sind bei Festessen wie diesem keine Seltenheit. So formt sich bei Schinken, Pasta, Auberginen, bei Linsen mit Trüffeln, Lamm und Fisch, bei Dolce und Caffé ganz nebenbei eine eingeschworene Tafelrunde, mit der unser Protagonist, wie König Artus mit seinen Rittern am Hof, die eigene und gemeinsame Gralsuche manifestiert und zelebriert. Auch dieses Ritual, ob Sie es benennen können oder nicht, ist Teil der gesuchten Berufsausübung unserer Kandidaten. Raten Sie nicht zu früh! Wenn Sie nach einem solchen Gelage die Gelegenheit haben, auf der Heimfahrt durch die mondhelle Nacht in einem Tourenbus neben ihm zu sitzen, werden Sie noch seine mystische Seite kennenlernen. Beim Anblick eines schwarzen Bergmassivs linkerhand wird er von seinen Visionen sprechen. Und sein Flüstern ins Mikrofon werden Sie nicht vergessen: "Seht ihr den Stier! Den Kopf - den Nacken!" Und während seine Hand die Konturen des gewaltigen Berges nachformt und oben verharrt, spricht er die Verheißung aus: "Da geh'n wir morgen nauf !" Der Wein hat seine Wirkung getan und einige werden die Botschaft unseres Kandidaten schlicht mit einem Kopfnicken quittieren, andere reagieren wie die schlafenden Jünger am Ölberg, wieder anderen wird beim Anblick des Meta Gebirges - dunkel, drohend, steil und 2242 m hoch - das Herz in die Hose rutschen. Am nächsten Morgen im hellen Sonnenlicht packt er dann - tatsächlich - den Stier bei den Hörnern schwingt sich aufs Jochbein sattelt seine dreißig Jünger hoch auf den langen Nacken und ab geht die wilde Reise. Unser Kandidat ist nun in seinem Element. Sonne - Regen - Wind - Sturm Nichts kann ihm etwas anhaben. Nichts bindet ihn an die Erde Hinauf hinauf in die Lüfte Zieht es ihn und seine Gralsucher Glücksucher allesamt. Droht am steilen Kamm Einem die Kraft zu schwinden Ruft er ihm aufmunternd zu "Du packst es!" und der um Atem ringende holt noch einmal tief Luft und setzt mit frischem Mut den wilden Ritt fort. Der Lohn der Angst Ist nichts weniger als der Blick des Adlers der Tritt der Gemse und der freie Atem Im Reich der Winde. Wie heißt unser Kandidat? Und welchen Beruf übt er aus? Ulrike Hofmann (überarbeitete Fassung vom 21.6.03) Zum Abschluß der Wander- Studienreise in die Abruzzen BERGE, BUCHEN, BÄREN vom 13. bis 22. Juni 2003 mit ERDE UND WIND Vorgetragen am 21.6.2003 bei Giacomo Santoleri in Caprafico
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