Berge, Buchen, Bären

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Wanderungen in die Wildnis des Nationalparks Abruzzen
Vom 17. bis 24. Mai 2003 mit Erde und Wind / Herbert Grabe, Donaustauf und 25 Teilnehmern


Die Abruzzen sind mir zwar schon ein wenig bekannt, seit ich im Oktober 2000 mit dem Bund Naturschutz einmal eine Wanderwoche dorthin mitgemacht habe; aber ich erinnere mich nicht mehr an allzu viele Einzelheiten davon. Ich weiß nur noch, dass wir ganz schöne Berghatscherer bis auf über zweitausend Meter Höhe hinauf unternommen haben, dass wir einen Abstieg durch eine romantische Schlucht wegen ungünstigen Wetters ausfallen lassen mussten, dass wir mancherlei Museen und Gehege zur dortigen Tier- und Pflanzenwelt besichtigt haben, etc. Diesmal führt uns Herbert Grabe, der lebt in Donaustauf und arbeitet in den Bereichen Fotografie, Gestaltung, Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit (wie er sich in seinem Prospekt selber vorstellt) und ist ehemaliger Geschäftsführer des Bund Naturschutz Bildungswerks, der sich zu den leidenschaftlichen Liebhabern und Kennern dieser italienischen Region rechnet, in die er jedes Jahr mindestens zwei Reisen anbietet. Ich konnte bisher bei ihm keine buchen, weil er immer Ferientermine hat (in denen ich bekanntlich nie Zeit habe), und kenne ihn also nicht. Ich bin dementsprechend gespannt auf unseren Organisator und Wanderführer.

Die Natur müsste zur Zeit in Mittelitalien schön und frisch grün sein, nachdem wir auch bei uns einen sehr lebendigen Frühling (mit etwas wenig Regen und gerade pünktlichen kühlen Eisheiligen) genießen. Die Temperaturen sollten sich noch in Grenzen halten, zumal auf den Höhen.
Wer tiefe Buchenwälder, weite Wiesen und hohe Berge liebt, wird uns vom Organisator im Programmheft schriftlich versprochen, dabei sowohl ein wenig Kunsthistorie als auch die Artenfülle im berühmtesten Nationalpark des Apennins zu schätzen weiß, wird sich auf ausgedehnten Wanderungen kaum satt sehen. Leichte bis anspruchsvolle Wandertouren, ein sehr angenehmes Quartier für die Übernachtungen und ländliche Gastronomie mit sehr gutem Essen... Eine Reise für Italienbegeisterte, die sich auf faszinierend schöne Naturlandschaften freuen.

Ich bin schon gespannt, obwohl ich mich wieder gar nicht einlesen konnte (wg. Reisevorbereitungen für Rumänien, Bücherei-Arbeiten, extrablatt-Aufgaben, Reisenachbereitungen von Andalusien etc.) und auch wenig die Muskeln geübt habe: Kürzlich sind wir (in Ermangelung eines Termins für den zweitägigen Böhmweg) von Bayerisch Eisenstein nach Regen gewandert, an die 30 Kilometer, und mir hat's am Abend gereicht. Das Radeln ist in letzter Zeit auch wieder ein wenig eingeschlafen, nachdem es im April schon recht gut angelaufen ist. Aber die Stadthatscherer im andalusischen Sevilla und Cordoba etc. und in Prag (kürzlich mit Mitarbeitern der Pfarrei) werden auch ein wenig Kondition gebracht haben.

Europa erkunden - mit dem Rad, dem Bus und zu Fuß - ist ja schön und spannend (und heuer sollen ja noch die dritte Etappe auf dem Jakobsweg in Frankreich dazukommen, eine Rumänienfahrt und wieder einmal Venedig und Cinqueterre), aber wie lange bleiben die Heimatregionen noch ausgespart! Seit Jahren will ich schon einmal die Allgäuer Alpen durchqueren oder die Chiemgauer Berge (von Unterwössen aus) näher erwandern oder Niederbayern querfeldein erradeln. Nie raffe ich mich dazu auf. Warum nicht?

Wir fahren mit dem Bus zum Ziel, und zurück - hin wie zurück jeweils nachts! Das bin ich (seit den Abiturfahrten) nicht mehr gewohnt und hoffe, dass ich dabei ein wenig schlafen kann. Die 24 Leute (zwei wollen selbständig hinkommen), die dabei sind, werden sich ja schön verteilen und genügend Platz für den Nachbarn lassen. Ob ich dort einen Zimmerkollegen bekomme und welchen, weiß ich noch nicht. -


Abruzzen, Samstag, den 17. Mai 2003

Gestern abend bin ich (bei schönem blauem Himmel und etwas höheren Temperaturen als während der bisherigen Eisheiligen) über Plattling mit dem Bummelzug nach München gefahren und habe mich wie jedes Jahr gefragt, warum ich, wenn es auch daheim am schönsten ist, fortfahre in die weite Welt. Als ich Punkt 22 Uhr am Renner-Bus angekommen bin, saßen schon alle drinnen und hatten mir die erste Reihe (hinter der Fahrerin Roswitha) frei gelassen, und wir starteten, um unter strahlendem Vollmond zur Autobahn und dann auf ihr über das Inntal und den Brenner nach Italien zu kommen... -

In Klausen gibt es um 2 Uhr Fahrerwechsel und Kare setzt sich ans Steuer. Zeitweise sind wir (fast) allein auf der Autobahn, und ich muss doch immer wieder einmal ein wenig dösen, weil ich z. B. nichts Klares mitkriege von Bozen oder Trient oder Verona oder der Po-Ebene. Schon um 5 Uhr gibt es eine Stunde lang Frühstückspause in einer Raststätte hinter Bologna, und weiter geht es in einer unendlichen Ebene mit Wein- und Obstplantagen und ein wenig Getreide dazwischen. Bekannte Ortsnamen tauchen auf den Ausfahrtsschildern auf: Ravenna, Faenza (mit einer langen Porzellan-Fabrik am Rande der Autobahn), Forlí und auch Rimini und Cattolica etc.; und auf der rechten Seite ziehen sich ununterbrochen die Hänge an den Ausläufern des Appennin mit Burgen und daran sich hinaufziehenden Städten hin, u. a. auch mit San Marino hoch droben oder später dem mächtigen Kloster Loreto über der hügeligen oder leicht welligen, von vielfältiger buntester Baumvegatation belebten Ebene... Ich kann mich nicht erinnern, hier schon einmal durchgefahren zu sein.

Nach der Emilia Romana kommen wir in die Region Marche (Marken), um schließlich tunnelreich über der bergigen Küste (deren schmale Schwemmebene unten mit neueren Hochhäusern zugemauert ist) genau um 9 Uhr die Grenze der Region Abruzzen zu überfahren. Der Blick tut sich auf auf die dunstigen, schneebedeckten Gipfel des Gran-Sasso-Massivs, die bis zu 2.910 m hoch in den Himmel ragen, und in Tortoreto begrüßt uns vom Ginsterhang herab zur zweiten Cafépause eine Nachtigall. Zwischen Olivenhängen, Getreide- und Gemüsefeldern und sehr buntem Baum- und Strauchbewuchs fahren wir weiter, an vielen Dörfern und Bauernhöfen und an Pescara vorbei (mit 300.000 Einwohnern die größte Stadt der Region, während L'Aquila die Hauptstadt ist), mit Blick auf die Molise und die Majella...

Pünktlich um 11 Uhr verlassen wir den Bus zur ersten Besichtigung: in Sulmona, der Heimat des Ovid, die in einem weiten Kessel zwischen schneebedeckten Zweitausendern liegt und mit seinen alten Gassen und Palazzo-bestandenen Plätzen zum Bummeln einlädt (während Herbert versucht, die beiden Nachzügler der Gruppe zu finden, die auf eigene Faust mit Flugzeug und Auto hierher gekommen sind,). Hier werden überall nach alter Tradition diese bunten confetti angeboten, Sträuße in allen möglichen Formen aus süßen, sehr grellbunt leuchtenden Drops zum Lutschen. Ich setze mich, nach einem Gang durch den bunten Wochenmarkt, im Schatten gegenüber dem Alten Hospital (neben einem 84jährigen Herrn, dem ich aber nicht verraten will, dass ich eigentlich deutsch spreche - im Krieg ist hier viel Böses geschehen!) auf eine Bank und beobachte die auf dem Corso vorbeischlendernden, bummelnden oder auch rennenden Menschen. Herbert erzählt uns schließlich unter dem Standbild Ovids (Sulmo mihi patria est) von dessen wüstem Leben und Schicksal (und ich denke mir, dass ich wieder mal in seine Metamorphosen und seine Liebeskunst hineinlesen und möglichst bald Christoph Ransmayrs Die letzte Welt nochmals lesen sollte). Dann schließlich hinein in die Region des Meta-Gebirges mit tiefen Tälern und einsamen pittoresken Dörfern an Hängen und auf steilen Bergnasen, zur Hochebene der Cinque Milia hinauf (die früher der Schafwirtschaft diente, heute auch rundum für Skiport erschlossen wird mit entsprechend neuen, im Sommer fast leerstehenden Orten) und über Alfedena und Barrea zum (Stausee) Lago di Barrea, über dessen Ende unser Ziel liegt: das alte Dorf Civitella Alfedena, auf ca. 1200 m NN liegend.

Unser einfaches, sehr ruhiges Hotel heißt Albergo ai 4 Camosci (also Zu den vier Gemsen), begrüßt uns mit einer Rezeption, in der Tag und Nacht Kaffee, Tee etc., Grappa und sonstige Liqueure gratis angeboten werden (noch nie erlebt!) und bietet mir zusammen mit Uli Werner (aus Asperg bei Ludwigsburg) ein Appartement mit vier Betten! -


Abruzzen, Sonntag, den 18. Mai 2003

Nach der gestrigen Siesta habe ich einen kurzen Rundgang durch das Dorf gemacht und dabei erkannt (am Luchsgehege), dass ich hier schon einmal am Ende einer langen Wanderung angekommen bin. Bei der Vorstellungsrunde vor dem Abendessen stellte sich heraus, das die meisten Herbert schon vom BN her kennen (wo er 16 Jahre gearbeitet hat) und auch viele schon mit ihm in den Abruzzen gewesen sind.
Heute früh weist Hochnebel und hohe Bewölkung darauf hin, dass wenig Wind uns begleiten wird auf unserer Tageswanderung, die im Programm angekündigt wird: Bustransfer nach Barrea. Ganztägige Wanderung zum Lago Vivo (1590 m) und zurück, anschließend Aufenthalt in Barrea. Auf der Anfahrt dorthin erzählt uns Herbert Grundsätzliches über den Nationalpark Abruzzen, einem der ältesten Europas: Der meiste Grund davon sei im Besitz der Gemeinden und Dörfer, die mittendrin liegen, und das Ganze mit etwa 40.000 ha Fläche inkl. der Pufferzone wird verwaltet von einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

Wir beginnen also unsere Wanderung hoch über Barrea und dem See und steigen zunächst angenehm hinauf im hohen, dichten Buchenwald, dessen schlanke, glatte und lange Stämme oft auf knorrigem, bemoostem Unterbau stehen. Das Sonntagskonzert von Buchfink, Zaunkönigen, Mönchsgrasmücke, Kuckuck, Waldlaubsänger, Zilpzalp, Girlitz und dem schluchzenden Rotkehlchen begleitet uns auf einem alten Wallfahrerweg, der einst von Monte Cassino nach Loreto geführt hat und an dem deshalb gelegentlich noch eine Schwarze Madonna in Steinnischen zu finden ist, hinauf zum ersten Ziel, das wir nach einer guten Stunde auf nassem Laub und in dampfiger Nebelatmosphäre erreichen: die weite Rundung des Lago Vivo, eine sumpfige Wiese, die 1983 nach einem Erdbeben als Rest eines Sees übriggeblieben ist, der offenbar damals unterirdisch abgelaufen ist in die im karstigen Untergrund versteckten Kavernen und Hohlräume. Am Monte Petroso darüber liegen noch Schneereste an den Hängen, und über ihm hängen Wolken.

Auf ca. 1700 m Höhe wandern wir dann im Buchenwald mit dichtem Flechtenkleid und viel Unterholz und im dicken Nebel recht eben weiter, bis wir an den oberen Rand einer steil abfallenden, leicht terrassierten (Gemsen-)Wand kommen, unter der eine tiefe Schlucht liegen muss, von der wir aber vor lauter undurchdringlichem Nebel nichts sehen, sondern wo wir vom Grund herauf nur einen Bach rauschen hören. Hier gibt's Mittagspicknick (mit einem Haufen mitgeschlepptem Brot, Wurst und sonstigem schwer verdaulichen Zeugs - statt meiner bewährten leichten Kost der Fruchtschnitten!). Da kommen plötzlich gegenüber aus dem Nebel Schneeberge heraus! Und unten kurz die tiefe Schlucht! Und dann auch in der Ferne weitere Berge und Täler und blauer Himmel drüber! Und Herbert strahlt: so was kann man nicht planen! Und wir genießen das Naturschauspiel des steigenden und wieder verschwindenden Nebels dankbar als Sonntagsgeschenk. Und steigen dann wieder langsam hinab: Am Weg stehen jetzt wahre Buchensträuße aus vielen sich eng aneinanderdrängenden dünnen und dickeren Stämmen; eine Wildschweinsuhle erinnert mit ihren im Dreck hängengebliebenen Borsten das wohlige Badevergnügen der schwarzen Waldbewohner, deren Spuren auch sonst immer wieder zu entdecken sind. Einmal kommen wir auch durch größere Freiflächen mit einzelnen Ahornen mittendrin (an die Schachten im Bayerischen Wald erinnernd), wo schon eine sehr bunte Vegetation aus Gelbem, Blauem und Weißem aller Art vergessen läßt, dass hier vor kurzum noch sehr viel Schnee gelegen sein muss.

Es geht recht gemütlich und besinnlich zu: immer wieder Sitzen und Schauen (z. B. hinaus in die Ebene der Cinque Milia, durch die wir gestern hergekommen sind) und Erklären (z. B. der Tektonik und der Schichten des Felsens durch Gabi, eine offenbar gelernte Geologin, die unter uns ist)... Und schließlich, inzwischen unter sonnigem Himmel, hinab im bunter werdenden Mischwald und dann auf trockener buntester Blumenwiese (mit Knabenkraut etc. und Nachtigallengesang) zum Bus: eine angenehme und schon eindrucksvolle Nebel-Sonne-Tour ohne Schweißprobleme. In Barrea gibt's noch eine Cafépause, und ich suche mir währenddessen hoch über der pittoresken Dächerlandschaft des Dorfes den schmalen Wanderweg (sentiero natura, Nr. 5, den es uns damals so verregnet hat) hoch über der ca. 200 m tiefen Schlucht, in der der Sangro den Stausee verlässt, aber nur zu hören, nicht zu sehen ist. -


Abruzzen, 19. Mai 2003

Die Spatzen und die Schwalben wecken uns, und blauer Himmel grüßt beim Fenster herein, ehe wir nach dem täglich leckeren und für italienische Verhältnisse reichlichen Frühstücksangebot mit dem Bus aufbrechen, um über Pescasseroli (wo wir vor zweieinhalb Jahren unser Standquartier hatten und dessen grauenvolle Zersiedelung mir heute erst auffällt) zum Passo Diavolo zu unserer für diesen Tag angekündigten ganztägigen Wanderung zum Monte Marcolano (1940 m) zu fahren. Auf der Fahrt dahin erzählt uns Herbert wieder etwas über die Probleme des Nationalparks: Nachdem er 1922 gegründet worden ist, habe seine Idee lange geruht und er sei durch den Bau von Streusiedlungen und von Skilifts etc. verkommen; 1969 habe dann Franco Tassi seine Leitung übernommen, ein energischer Jurist, der gegen großen Widerstand der Öffentlichkeit und der Politik (d. h. derer, die die Naturschätze ausnützen statt schützen wollen) dem Nationalparkgedanken erfolgreich zu neuem Leben verholfen hat, z. B. eine Zersiedelung auch durch rigorosen Abriss ungenehmigter Häuser einzuschränken versucht hat und schließlich 2002 (in der Ära Berlusconi und seiner Macher!) abgesetzt wurde, womit die Zukunft des Nationalparks Abruzzen heute wieder etwas ungesicherter erscheine.

Vom Passo Diavolo aus wandern wir zunächst eine halbe Stunde lang zwischen blühenden Blumenwiesen mit morgendlichem Grillenkonzert auf einer Feldstraße eben dahin; in der Ferne der monotone Ruf des Wiedehopfs (up-up-up), den wir aber leider mit seinem bunten Kleid und seinem auffallenden Schopf nirgends entdecken, obwohl er hier nach Herberts Meinung häufig zu sehen sein soll. Dann gehen wir in einem trockenen Bachtal zwischen jungen Buchen lange hinauf bis zu einer weiten Wiese, die voll steht mit einzelnen Buchen und trockenem Gestänge alter Königskerzen und die widerhallt vom Gesang der Singdrossel und des Buchfinks, des Zilpzalps und des Mönchs rundum. Und dann nochmals zwischen diesem frischen Buchengrün, das den dicken Schnee eben erst bis auf letzte Reste vertrieben hat, jetzt mit vielen rum liegenden abgestorbenen Riesen, zwanzig Minuten lang höher hinauf bis zur Baumgrenze. Dann kraxeln wir noch eine halbe Stunde in einer kahlen Südwand (gottlob schattig unter leichten Wolken) hin und her und steil hinauf bis zum Gipfelkamm des Monte Marcolano (der trotzdem nur 1940 Meter hoch ist) - wo ich als Senior überraschend im ersten Drittel der Gruppe ankomme unter lauter jungem Gemüse!

Beim Mittagspicknick - zwischen Schusternagerln und Küchenschellen, gelben und blauen Stiefmütterchen und ganz zarten Vergißmeinnicht sitzend - genießen wir die Rundblicke in alle Richtungen, die bis zu den Ebenen des Lago di Fucino reichen (der vor über hundert Jahren ausgetrocknet worden ist, um landwirtschaftliche Nutzflächen herzugeben) und bis zur dahinter zu ahnenden Schlucht von Celano; auch das in Nebel eingehüllte Gran-Sasso-Massiv ist zu erspähen ebenso wie all die umliegenden Regionen der Abruzzen. Zum Abstieg laufen wir dann zuerst eine halbe Stunde lang auf dem windigen Grat dahin - zwischen großen Schneeresten und daneben eben erblühenden Krokussen - und dann zwischen unendlichen offenen Mausgängen und -löchern auf weiten baumlosen Hängen hinab, um schließlich hineinzutauchen in einen Traumbuchenwald, der in der Tat an Bilder und Szenerien von Caspar David Friedrich erinnert: Die unteren eineinhalb bis zwei Meter der jungen Buchen am Waldrand sind noch braun von den Schneemassen, die hier bis vor kurzem herumgelegen sind, während ihre Spitzen schon grün zum Himmel ragen; durch ein teils recht enges felsiges Tal hinabwandernd, bestaunen wir dann Buchen jeden Alters, einzeln und auch wieder oft in Sträußen und als lichtdurchfluteter Wald stehend, mit manchen toten Bäumen, die hier ihrem Alter entsprechend sterben durften und Schwämmen und vielen anderen Lebewesen wieder neues Leben schenken dürfen... Eine unbeschreibliche Welt, zur Meditation und zum Stillwerden einladend!

Vor der langen Schlussstrecke bis zum Bus halten wir nochmals auf einer weiten Wiese besinnliche Rast und hören (von mehreren Teilnehmern vorgetragen) Ovids Metamorphose von Philemon und Baucis, deren Lohn für ihr genügsames, frommes und glückliches Leben bekanntlich die von den Göttern geschenkte Verwandlung in zwei nahe beieinander stehende Bäume ist: in dieser Umgebung eine sinnige Geschichte. -


Abruzzen, 20. Mai 2003

Nach der langen und angenehmen Wanderung gingen wir gestern Abend zum Essen zum Il Pescatore in Villetta Barrea (unterhalb unseres Dorfes am oberen Ende des Stausees gelegen), wo wir u. a. Schweinekotelett mit Salat genießen konnten. -

Heute nun leuchtet uns wieder sonnigster Himmel entgegen, als wir über eben dieses Villetta Barrea zum Passo Godi (1540 m) fahren, wo wir zunächst die älteste Buche der Abruzzen besuchen, die inmitten junger Bäume alles überragt und offenbar aus mehreren Stämmen zusammengewachsen ist und einen Umfang von etwa zehn Metern erreicht. Auf der Passhöhe stehen einige Hotels, die offensichtlich im Winter ihre Saison haben, weil in den Wiesen rundum kleine Liftstationen zum Wintersport einladen, wo jetzt stattdessen weidende Kühe und Pferde rumlaufen. Nach der Durchquerung eines kleinen Stücks Buchenwald steigen wir dann eine Stunde lang einen steilen baumlosen Hang in Serpentinen und gegen die Sonne hinauf. Vier weiße Hirtenhunde haben uns unten beim Verlassen des Busses sofort erspäht und begleiten uns nun, in wechselnden Abständen, teilweise Abkürzungen benutzend und uns dann wieder unmittelbar eng auf den Versen folgend, über die Steine und Schneereste hinauf bis zum Kamm.

Rundum bietet sich vom schmalen Grat des Kamms der Serra Rocca Chiarrano aus (der sich bis auf 2200 m hinaufzieht) der Blick hinab auf kahle Hänge mit Schaf-Almen und auch manchen Skisportanlagen, durchsetzt von einzelnen Waldstücken weiter unten. In der Ferne glänzt, wie der Rücken eines Wals in der Landschaft liegend, die bis zu 2700 m ansteigende und sehr zerklüftete Majella mit sehr viel Schnee noch (und Herbert bangt schon, ob er dort in drei Wochen mit seiner nächsten Gruppe alles unternehmen kann, was geplant ist) und im Osten daneben die Morone-Berge (in der Gegend von Sulmona), wo Erik Zimen einst seine Wolfsstudien betrieben hat.

Wir wandern auf dem Grat nochmals eine Stunde lang (und 150 Höhenmeter) weiter hinauf, über steinige Hänge, zwischen deren schmalen Felsritzen sich blühende Anemonen, Stiefmütterchen, Veilchen etc. tapfer zum Himmel recken und im Wind zittern, und am Rande der Schneereste erblühen schon die blassen Krokusse. Und zwischendurch ziehen sich grasige Matten über die Felshänge und, wie eigens gelegte Teppiche, Wiesenstriche voller eng stehender gelb-blauer Stiefmütterchen und Enziane: ein herrlicher Anblick, als wir im Angesicht eines imposanten halbrunden Amphitheaters aus steil abfallenden Felsen unsere Mittagsstärkung genießen. An sonstigem Leben registrieren wir hier oben, außer unseren vier ständigen Begleitern (die sich im Schnee liegend abkühlen), nur noch Lerchen (die diese unsere Höhen singend und tirilierend und anscheinend mühelos sich erfliegen!) und weiter unten kreischende Alpendohlen. Und ein zarter Käfer zeigt mir, dass es auch sonst noch manches Unscheinbare in diesen Höhen gibt, indem er meine Fingerspitze als Landeplatz benützt, sich sorgfältig putzt, probeweise seine zarten Flügel ausfährt, immer fest im Wind steht, sich dreht und wendet und endlich wieder in die Lüfte startet...

Die Majella ist inzwischen verhüllt von dicken Wolken, und auch vom Westen ziehen sie auf, während wir hier immer noch in der Sonne liegen. Als wir uns zum Abstieg in zwei Gruppen teilen wollen, stellen wir fest, dass vom Westen her eine schwarze Wetterwand nichts Gutes erwarten lässt, und entschließen uns alle für denselben Weg zurück, den wir gerade heraufgekommen sind (statt eines Umweges von weiteren zwei Stunden) und der sich wegen kiesiger und im Wald mit dickem Laub bedeckter Passagen stellenweise als beschwerlich und etwas ermüdend erweist. Unten wartet der Bus, und der Hüttenwirt daneben wirft schnell seine Kaffeemaschine an (und serviert mir z. B. einen café macchiato, d. h. einen verlängerten Espresso), und seine Räume laden offenbar zu unendlichen Ratschereien ein (während andere längst im Bus sitzen und heimfahren wollen!).

Ein schöner Tag - der dann trotzdem trocken geblieben ist - mit vier Stunden Wanderung geht zu Ende, und ich steige in Villetta Barrea aus, um Telefonkarten und Briefmarken zu besorgen (im Tabacchi, der Punkt 5 Uhr erst öffnet) und dann eine halbe Stunde lang auf der Teerstraße heimzulaufen. Nach dem Abendessen, wo Helmut einen Geburtstagsgrappa ausgibt, wartet wie täglich der recht unscheue Haus-Fuchs vor der Tür des Restaurants Transumante auf Essensreste oder Knochen. -


Abruzzen, 21. Mai 2003

Heute legen wir zum Ausruhen einen Kulturtag ein, und es trifft sich gut und passt, dass dabei der Himmel nach nächtlichem Regen leicht bedeckt ist, als wir über Barrea nach Alfedena fahren (wo der Sangro nach langen Schluchten in die Ebene hinausläuft), dann an Castel di Sangro vorbei und durch touristisch sehr zersiedelte Orte schließlich zu unserem ersten Ziel: die Città d'Arte Pescocostanzo, wieder überm Tal am Hang sich hoch hinaufziehend.
Die barocke Kirche Sta. Maria del Colle, die vom 16. bis zum 18. Jahrhundert in der heutigen Form erbaut und ausgestattet wurde, lässt den Besucher durch eine romanische Fassade (von einem Vorgängerbau) an der rechten Seite eintreten und überrascht ihn zunächst mit einer vergoldeten Kassettendecke, deren Medaillons, Rechtecke und Quadrate mit Putten und Engeln bunt ausgemalt sind. In einem der prunkvollen frühbarocken Altäre (dem rechten neben dem Chor) steht majestätisch eine romanische Madonna mit dem (natürlich erwachsenen) Jesuskind auf dem Arm (und sollte jetzt im Marienmonat Mai eigentlich prächtig geschmückt außerhalb ihres angestammten Platzes in der Kirche stehen - was aber, wie der freundliche Küster erklärt, nur an ein paar bestimmten Tagen des Kirchenjahres geschieht). Eine große manieristische Seitenkapelle, durch ein prächtiges und aufwendiges Eisengitter zugänglich, zeigt neben schönen Altären als Deckenfresko die Glorie des Himmels, d. h. in Spiralen aufsteigend eine große Menge aller möglichen bekannten und unbekannteren Heiligen (und ich versuche eine Debatte anzustoßen über die bis heute unausgewogene Auswahl der Menschen, die zur Ehre der Altäre erhoben werden: kein Ehemann, keine Ehefrau ist darunter, aber massenweise Jungfrauen, Bischöfe, Päpste etc. Darf ich so die Ruhe eines Urlaubs durchbrechen und die Seelen erregen?!). Am Seitenaltar ganz hinten links schauen wir uns schließlich noch eine Sacra Conversazione an, die ein Schüler von Caravaggio (Tanzio de Varallo) gemalt hat (und der Küster beleuchtet uns dankenswerterweise jeweils die wichtigen Sehenswürdigkeiten in der dunklen Kirche).

Von diesem Colle aus, auf dem die Kirche steht, gehen die gepflegten und ruhigen Gassen des 1400 m hoch liegenden Ortes strahlenförmig aus, von manchen alten Palazzi und reichen Bürgerhäusern eingerahmt und nichts Spektakuläres für Touristen anbietend außer einem sehr freundlichen und freigiebigen Service im Fremdenverkehrsamt (was darauf schließen lässt, dass wenige Fremde sich hierher verirren). Überall auf den kleinen Plätzen und vor allem im Stadtpark am Eingang des Ortes stehen die steinernen Spuren eines internationalen Künstlersymposiums von vor ein paar Jahren herum und erklären nochmals die Bedeutung des Attributs città d'arte.

Auf gut ausgebauten und sich hin und her windenden Hangstraßen fahren wir dann hinab in die Gegend von Sulmona und von dort hinein nach Anversa degli Abruzzi in einem engen Gebirgstal. Wir wandern ein paar Minuten (bei kurzem Regen) hinauf zu einem Hof, wo Nunzio und Manuela eine Schafzucht mit 1300 Tieren betreiben (die fast alle von fremden Besitzern in aller Welt adoptiert sind!) und uns zum Mittagessen bewirten mit eigenen Produkten: Käse, Wurst, Nudeln mit Gnocchi, Lammfleisch mit Bratkartoffeln, Riccotta mit Honig (und mit Gesprächen am Tisch über Bienenzucht und Bio-Märkte). Nach einer Führung in der Käserei und größeren Einkäufen, während derer ich die hohen Berge rundum studiere und die sehr fruchtbaren Hänge (mit Oliven, Nüssen, Akazien, Eichen und Weißdorn etc.), verabschieden wir uns und fahren zurück:
Auf der Autobahn Pescara - Rom kommen wir zunächst durch eine Region hoher Berge und dann u. a. durch Pescina (das nach einem schweren Erdbeben 1915 völlig neu aufgebaut wurde), die Heimat von Ignazio Silone, des inzwischen politisch etwas umstrittenen Chronisten und Epikers der Abruzzen; und am Rande des Lago di Fucino entlang kommen wir hinüber nach Pescasseroli und in das Sangrotal. Auch hier, fällt uns überall auf, hängen häufig (wie wir es kürzlich ähnlich auch in Andalusien registriert haben) Pace-Fahnen an den Häusern und Balkonen, auch gegenüber unserem Hotel im Municipio des Dorfes (dem Rathaus also)! Ganz Europa protestiert gegen den unsinnigen, von George W. Bush provozierten und inzwischen militärisch beendeten, aber wohl noch lange nicht politisch gelösten Irak-Krieg. -


Abruzzen, 22. Mai 2003

Gestern haben wir noch im Dorf herumgesucht wegen einer Kleinigkeit zum Abendessen, haben dabei hinter dem Sportplatz das Wolfsgehege mit drei dösend rumliegenden Wölfen und nahebei die kühle Bar Del Lupo gefunden, um schließlich bei vielen anderen in unserer Hotel-Lobby am wärmenden Kaminfeuer zu landen. - Heute nun besuchen wir (bei stürmischem Wetter mit reißenden schwarzen Wolken am Himmel) das hiesige Wolfsmuseum (und vorher gleich dahinter nochmals die herumlaufenden Wölfe im Gehege). Herbert begrüßt uns darin mit der Nachricht: Ich habe heute eine aktuelle, aber traurige Neuigkeit: Heute Nacht, berichtet mir gerade ein SMS aus Deutschland, ist Erik Zimen im Alter von 62 Jahren gestorben! Dieser bekannte Wolfsforscher, der auch hier in den Abruzzen gewirkt hat, hat erst vor ein paar Wochen der Passauer Neuen Presse noch ein Interview gegeben, in dem er u. a. empfahl, man solle im Wolf nicht den Inbegriff des Bösen sehen, zu dem er von den Jägern bis heute gemacht werde, sondern ihn begrüßen als Wildwuchs der Natur. Ein Stück Unberechenbarkeit haben wir (mit ihm) zurückbekommen, denn wenn die Menschen alles selbst bestimmen wollen, ist das für sie vernichtend. Der Wolf im Märchen, sein Herkommen, sein Verhalten und seine Verbreitung etc. stehen im Mittelpunkt der Schautafeln, Modelle, Fotos, Spurennachzeichnungen etc. in diesem Museum, die wir heute daraufhin mit größerer Betroffenheit betrachten. Und im Shop gibt's manche Erinnerungsstücke an ihn und (endlich) an den Nationalpark (aber wieder keinen Wolf in Marzipan!).

Um 11 Uhr fahren wir dann ab, bei sehr kaltem Wind, zu den Monti Pizzi, die schon zum Nationalpark Majella gehören (wieder über Alfedena und Castel di Sangro): Von einer Höhe von etwa 1200 m NN aus steigen wir ein Stündchen auf angenehmen Waldstraßen im Buchenwald hinauf zu den schroffen Klippen dieser zerklüfteten Bergwelt (von etwa 1500 m Höhe) und genießen hier den Blick auf die von Schneewolken überzogene Majella und vor allem rechts daneben das Meer, das man heute ausnahmsweise sieht (und die Vielbesucher dieser Gegend bestätigen, daß sie von hier aus die Adria noch nie gesehen haben). Auf den Bergmatten registrieren wir beim Weiterwandern noch etwas weniger Blühendes: noch nicht ganz offene Trollblumen und Orchideen, aber schon blühende Primeln und auf der steinigen Spitze des Monte Secine (1883 m) dann sehr bunte Winzlinge (Hornklee u. ä.) - und wir können heute hier heroben durchaus warme Ski-Unterwäsche, Handschuhe und Wollmützen (die ich gottlob im letzten Augenblick beim Packen daheim eingesteckt habe) vertragen! Rundum bestaunen wir wieder die hohen Bergketten, niedrigere Hügelrücken mit kühnen Bergnestern drauf und weiter unten Talsiedlungen; und auf halber Höhe endlich auch ein paar Almbetriebe, in der Ferne auf einem Bergkamm vor dem Meer auch eine Reihe von 144 modernen großen Windanlagen (Gro-Wi-Anen)... und weiterhin, so weit das Auge reicht, Buchen, Buchen, Buchen!

Auf einer anderen Seite wandern wir angenehm zwischen Buchensträußen hinab zu einer Pferde-Alm, über auffällig viele munter herabplätschernde Bergbächlein drüber, weiter unten dann auch durch manche für den heimischen Herd entrümpelte und ausgeschnittene Wälder hindurch zum Bus, der uns über Pizzoferrato auf sehr kurvigen Straßen wieder hinab ins Sangro-Tal bringt zum sehr einsam in einem Hang gelegenen Agriturismo Antica Taverna, von dem der Restaurantführer Osterie d'Italia schreibt: In diesem wunderschönen Bauernhaus, das auf schlichte Weise restauriert wurde, können Sie absolut unverfälschte bodenständige Küche genießen. Das tun wir unter seinen Gewölben auch, als uns zum Abendessen jeweils in reichlichen Mengen vorgesetzt werden: Bruschietta mit Käse und Schinken, Ravioli und Nudeln mit Pilzen, Risotto, Lamm mit grünem Salat, Kalbfleisch, Käse (und immer wieder mit Trüffeln: Wir haben z. Z. zu viele Trüffel!) und schließlich Eis und frische Melonenschnitten, Kaffee und Grappa mit Limoncella.

Als wir dann nach eineinhalbstündiger Nachtfahrt, nach einem wiederum herrlichen Tag (mit Temperaturen, die zum Wandern angenehm waren) spät heim ins Hotel kommen, brennt wieder lichterloh im Kamin der Rezeption das wärmende Feuer und lädt einige zum Nachfeiern bei einer Flasche Wein ein. Kum ba yah, my lord, kum ba yah, könnte man mit einem afrikanischen Kirchenlied jubeln! -


Abruzzen, 23. Mai 2003

Heute unternehmen wir also unsere letzte Bergeroberung, einen Ausflug in den wilden Süden: Im Programm wird uns angekündigt eine Busfahrt über Pizzone (810 m) in das 'Valle Fiorita' (ca. 1450 m) zur 'Sorgente delle Forme'. Ganztägige Wanderung durch das 'Val Pagana' zum 'Passo dei Monaci' (1967 m). Sehr steiler, aber ebenso lohnender Aufstieg zum Gipfel des Monte Meta (2242 m). Rückweg über das 'Val dei Tartari' und den 'Rifugio Campitelli' (1445m).
Wir durchfahren dazu, unter teils blauem Himmel, nochmals unsere bekannte Gegend über Barrea und Alfedena, weichen aber hier nach rechts ab, eben nach Pizzone, das schon in der Region Molise liegt, und kommen durch dichte Eichenmischwälder (aus Zerreichen, Buchen natürlich, Bergahornen, Goldregen, Kirschen und Birnen, Waldreben, die sich wie Klematis die Bäume hochwinden, und Erlen etc.) hinauf zu einem Pass und schließlich nach eineinviertel Stunden Fahrt zum Valle Fiorita, wo weiße Rinder weiden.

In einer Narzissenwiese liest uns Herbert Horst Sterns Geschichte (aus Der Mann aus Apulien) von der Begegnung des hl. Franziskus mit dem Wolf vor (die uns wohl auch heute wieder nicht gelingen wird!), ehe wir noch einmal in den Buchenwald eintauchen und nochmals das tägliche Konzert vom Buchfink und dem Zaunkönig, der Amsel und des Kuckucks, des Waldlaubsängers und der Mönchsgrasmücke genießen, während wir zügig, wieder einmal auf dem alten Wallfahrerweg von Montecassino nach Norden (mit entsprechenden Schwarzen Madonnen am Weg), eine Stunde lang nach oben steigen bis zur baumlosen Hochfläche (des Passo dei Monaci) mit vielen Schneeresten. Während des zweiten Frühstücks erzählt uns Herbert hier oben etwas über die Buche: Wenn man heute die Vegetation natürlich wachsen lassen würde, entstünden im Lauf von Jahrhunderten lauter Buchenwälder, weil dieser Baum viele Vorteile gegenüber anderen mitbringt; er wächst sowohl im Licht wie im Schatten, überholt bei Licht schnell andere auf mittleren Standorten, ohne allzu große Ansprüche zu stellen, hat vielfältige stabile Wurzeln und wird bis zu 500 Jahre alt. Vergleicht man sie mit einer Zehnkämpferin, wird sie in keiner Disziplin gewinnen, am Ende dennoch die Siegerin sein.

Wir erklimmen dann auch noch den letzten Anstieg im steilen Steinhang mit viel Schnee bis zum Grat, wozu wir nochmals eine halbe Stunde brauchen (und ich dabei immer noch im ersten Drittel!), und schließlich, mit genau der Hälfte der Gruppe, ebenso lang auf angenehmer Wiesenmatte sehr steil hinauf den Gipfel des Monte Meta (mit über 2200 m unsere höchste Leistung dieser Woche)! An die fünfzig Gämsen grasen neben uns in diesem Steilhang, springen übermütig und ungestüm in ihm herum und lassen sich von uns erst stören, als wir auf wenige Meter an sie herangekommen sind; sie sind hier viel weniger scheu als etwa in unseren Alpen (weil sie nicht gejagt werden dürfen). Nach kurzer Gipfelfeier (bei der es lange nicht so windig und kalt ist, wie wir auf dem zugigen Grat befürchtet hatten) wieder hinab zu unseren Rucksäcken und auf zum Rückweg.

Wir müssen durch lange Schneebretter mit noch tiefem und ermüdendem Schnee stapfen, bis wir zu den versprochenen angenehmen Waldwegen im stellenweise sehr ausgeräumten Buchenwald kommen, die sich aber in Wahrheit als sehr steinig herausstellen, sich lange und ermüdend hinabziehen und am Ende auch noch durch Waldarbeiter und ihre auf den Wegen hinausgezogenen Bäume aufgefurcht und damit schwer zu begehen sind! Diese letzten eineinhalb Stunden ziehen sich, wie so oft bei Abstiegen nach langen Wandertagen in den Bergen, unendlich hin, bis wir endlich zu einer weiten Pferde- und Kuhalm kommen, wo Kare auf uns mit dem Bus wartet (um 5 Uhr), um uns heimzubringen. Das war noch ein fulminanter Abschluss: mit allen Wetterzonen und Schwierigkeitsgraden und gewohnt weiten Rundblicken!

Zum Abschied gibt es nochmals das schmackhafte Abendessen im Ristorante Transumante (das der Name ist für den alljährlichen Zug der Schafe von Apulien in die Abruzzen und zurück, wie er früher jedes Jahr stattgefunden hat) am Ortsrand nahe dem Wolfsmuseum, wo wir jedes Mal mit drei bis vier abwechslungsreichen, wohlschmeckenden Gängen verwöhnt worden sind: mit Bruschietta (geröstetes Brot mit Tomaten, Käse), Lasagne & Bandnudeln, Lammfleisch mit Bohnen, mit Käsesorten verschiedener Art, Omas Kuchen und viel Süßem & immer viel Rotwein. Vielen Dank an Köche und Ober. -


Abruzzen, 24. Mai 2003

Eine Woche voller Höhepunkte geht heute zu Ende, als wir Abschied nehmen von diesem ruhigen und gemütlichen Albergo ai 4 Camosci in Civitella Alfedena: Wir konnten immer günstiges und nicht zu warmes Wetter genießen, das uns alles erlaubte, was im Programm stand, u. z. immer ohne Hektik mit genug Ruhe und Gemütlichkeit, und viele schöne Berg- und Naturgenüsse bescherte; dazu kamen eine Reihe guter Lucullica an einheimischen Speisen und Getränken, von denen eines der besten heute nachmittags noch folgen soll.

Und so starten wir denn um 9 Uhr unter fast wolkenlosem Himmel zu unserer Heimfahrt, nochmals den Sangro abwärts weiter als bis zu seinem Stausee Lago di Bomba, hinter Wolken die Schneeberge der Majella versteckt, und im fruchtbaren Talgrund dann zwischen Oliven, Obstplantagen, Weinfeldern und Auwäldern mit viel Gesträuch bis Casoli. Von dort windet sich eine enge, kurvige Straße den Hang hinauf (und Kare muss die letzten paar hundert Meter rückwärts fahren, weil eine Kehre mit dem Bus nicht mehr zu bewältigen ist!) zur Hochebene von Caprafico (ca. 500 m), wo uns Giacomo Santoleri, der Präsident des abruzzesischen Biobauernverbands, in seinem einsamen Hof zwischen Getreidefeldern und Olivenhängen (fast) zu Füßen der Majella erwartet. Er erzählt uns zunächst von seiner Landwirtschaft und führt uns seine Produkte vor: Nudeln aus Emmer (=Zweikorn, it. farro) nach der alten Empfehlung qui mangia farro non nutri medico (wer Emmer isst, ernährt den Doktor nicht) und Olivenöl von bester Qualität, alles zum Verkauf und Versand verpackt.

Nach der Besichtigung seines viehlosen Hofes bummeln wir ein paar hundert Meter weiter zu einem Agroturismo (also einer Art Wirtshaus, in dem die Bio-Produkte zu schmackhaften Speisen verarbeitet und den Gästen angeboten werden) zum Mittagessen, das sich dann allerdings besinnlich stundenlang hinzieht und in der Tat erinnert (wie Herbert ankündigt) an die längst vergangene altehrwürdige abruzzesische Tradition der 'panarda', eines Festmahls mit vielen Gängen. Wir genießen z. B. Emmerbällchen mit Käse, Himbeermarmelade und Honig, Farricello (= geschroteter Emmer) mit Fleisch und Öl, spaghetti con funghi, Lamm mit Bratkartoffeln, Mangold mit (wenig) Kartoffeln und gebackene Polenta. Zwischendurch bietet uns der Bruder des Wirts (der auch in der Gegend wohnt und Weinbau betreibt) drei Weinsorten von bester Qualität zum Verkosten (und Mitnehmen) an.

Und das alles bei schönem Sonnenschein hoch über dieser schon eher toskanisch lieblichen Landschaft, hinter der man zwischen den leicht welligen Hügeln im Osten ferne schon das Meer zu ahnen meint und rundum von Getreidefeldern, Plantagen, Wiesen und kleinen Wäldern umgeben ist. Zum Abschied werden drei Teilnehmer (u. a. der Busfahrer) für ihre langjährige Treue zu den Abruzzen mit kleinen Geschenken geehrt, und Herbert meint zurecht, mit diesem Abschluss als Sahnehäubchen unserer Reise seien wir im realen Italien angekommen und können dankbar sein für diese schöne Woche. Ich versuche dasselbe mit meiner Geschichte vom Geschöpf des achten Tages auszudrücken (und ernte damit überraschend frenetisches Gelächter). Wir beschließen diesen sehr geruhsamen und besinnlichen Nachmittag mit dem Verzehr des letzten Ganges (frischer Kirschen und anderen Obstes), dem Abschied von Thomas und Uli, die selbständig heimfahren, und dem Einkauf von Bio-Waren und Wein (der vorbestellt ist), der sich überraschend lange hinzieht, weshalb wir eine Stunde später abfahren als geplant und erst um 20 Uhr wegkommen. Auf der Autobahn erwartet uns nun ab Pescara wieder eine Nachtfahrt von etwa tausend Kilometern bis München, wo wir trotzdem, mit zwei Fahrern, um 7.30 Uhr ankommen wollen (damit einige ihre Züge noch erreichen). -

Die gute Kenntnis unseres Reiseleiters und -organisators und seine Liebe zu den Abruzzen (in denen er seit Jahren auch viele private Urlaubstage mit der Familie verbringt) hat sich für uns bezahlt gemacht, indem wir durch ihn sehr viel von dieser Region und ihren Schönheiten (und Problemen) in angenehmer Form vermittelt bekommen haben. Ich hoffe, dass ich wieder einmal die Zeit und die Muße finden werde mitzufahren (vor allem zu Herberts nächstem Projekt: einem Urlaub im Gebiet des Gran Sasso d'Italia)!

Dank an Herbert und an die ganze angenehme und pflegeleichte Gruppe! - - -


Georg Bergmeier
Vilshofen, 2. 6. 2003



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