Abruzzen - das wilde Herz Italiens
Text als PDF-Download Reiseanmerkungen von Friedrich Brandl* Vor ein paar Jahren machte ich schon einmal den Versuch, an einer Wander-Studienreise von Herbert Grabe in die Abruzzen teilzunehmen. Doch Freunde, die nicht viel von Gruppenreisen hielten, redeten mir mein Vorhaben aus. Ich hörte auf sie. Leider. So musste ich bis zum Jahr 2002 warten, um doch noch in den Genuss einer solchen Reise zu kommen. Ich schreibe bewusst Genuss. Denn diese "Reise in das wilde Herz Italiens - Die Begegnung von Kultur und Natur in den Abruzzen" wurde zum Genuss und zu einem unvergesslichen Erlebnis in jeder Hinsicht. Zugegeben, anfangs war ich doch noch ein wenig skeptisch. Skeptisch, ob die von Herbert Grabe formulierten Ziele der Reise nicht ein wenig hoch gegriffen waren: "Landschaften und Naturschutzgebiete der Abruzzen kennenlernen, in eine fremde Kultur und Natur eintauchen, Motivation und Inspirationen gewinnen, kulturgeschichtliche Höhepunkte genießen und Natur mit allen Sinnen erleben."Doch jetzt, wenige Tage nach der Reise, wo ich diese Zeilen schreibe, wo ich all meine Eindrücke reflektiere, die gemachten Dias betrachte und die ein kleines Büchlein umfassenden Notizen verarbeite, gebe ich gerne zu: die Ziele waren nicht zu hochgesteckt und auch nicht zu hochgeschraubt formuliert. Ja, jetzt, da ich schreibe, ist es mir, wie wenn ich nochmals eintauchen würde in die Tage in den Abruzzen. Dass dies so gekommen ist, lag zu einem großen Teil am Veranstalter und Reiseleiter und dessen wohldurchdachtem Programm. Die Reise führte in zwei Gegenden der Abruzzen: in die stille Bergwelt des Sirente Regionalparks und in die Gebirgslandschaft der Majella-Berge. Die Unterbringung erfolgte in dem kleinen Familienhotel "Piccola Selva" in Ovindoli unterhalb des Sirente und für die weiteren Tage im "Hotel del Parco Principe" in Caramanico Terme, das Majella-Massiv vor Augen. Diese Reise war kein Wanderurlaub, obwohl diejenigen, die das wollten, voll auf ihre Kosten gekommen sind. Sie war auch kein Bergurlaub, obwohl auch die Bergfreunde nicht zu kurz kamen. Sie war keine Sightseeing-Tour, obwohl wir viele kunstgeschichtlich und historisch bedeutende Bauwerke besichtigten. Sie war keine botanische oder ornithologische Exkursion, obwohl auch die an diesen Gebieten Interessierten belohnt wurden. Auch war sie keine literarische Reise, obwohl Ovid und Ignazio Silone uns oft mit ihren Texten begleiteten. Und sie war nicht reine Meditation und nicht nur kulinarisches Erleben, sondern sie bot beides. Sie war einfach eine Reise in eine faszinierende Naturlandschaft, die alle mit einer Fülle von Eindrücken und Erlebnissen belohnte. Es würde nicht dem Charakter dieser Reise gerecht werden, wollte ich versuchen, einen chronologischen Reisebericht zu verfassen. Ich beschränke mich deshalb. Ich möchte Eindrücke, Aussagen, Gedankensplitter wiedergeben. Beeindruckend waren neben den Wanderungen und Bergtouren die Besuche von kunsthistorisch so bedeutsamen Plätzen und Orten wie die Hauptstadt der Region Abruzzen, L´Aquila, die Zisterzienserabtei San Clemente a Casaurea oder der Geburtsort von Ovid, Sulmona. Nicht zu vergessen die vielen Bars, die zu Espresso-Pausen einluden oder die abendlichen Essen bei einem Krug Montepulciano d´ Abruzzo und als "Nachspeise" ein Gläschen Amaro Abruzzese. Und dann waren da noch die Begegnungen mit den Menschen: die herzliche Art von Nicola und Concetta vom Hotel "Piccola Selva", die Begegnung mit dem Journalisten und Italienkorrespondenten Dr. Roman Arens, das einzigartige und kaum zu übertreffende Abschiedsessen im Agriturismo a Tholos bei Gabriele und Paola, ja und nicht zu vergessen das Auftreten von Pasquale, dem Oberkellner im Hotel del Parco Principi di Caramanico. In der Einsamkeit des Monte Sirente Nach kurzem Bustransfer steigen wir im Hochtal Prato d´Arano (1335 m ) aus. Auf gemächlich ansteigendem Weg wandern wir hinein in die Berglandschaft des Monte Sirente. Immer wieder reißt die Gruppe auseinander, immer wieder bleiben einige stehen, staunen, betrachten. Die Blütenpracht und -vielfalt ist unbeschreiblich. Gott sei Dank sind Menschen dabei, so wie Barbara aus München, die eine Vielzahl der Pflanzen kennen. Ich versuche mir einige zu merken: Kreuzblümchen, Nießwurz, Hundszunge, Ochsenzunge, Salomonsiegel, dazu verschiedene Lilien, Orchideen und Veilchen. Auf den ehemalige Schafweiden in der Berglandschaft der Prati Popolo fast auf 2000 m Höhe, hoch über dem Fucino-Becken machen wir Mittagspause. Keine anderen Wanderer haben sich hierher verirrt. Nur ein Wespenbussard kreist über uns oder ist es vielleicht doch ein Adler? Der Gipfelsturm zum Monte Sirente bleibt uns verwehrt. Nebel, Wolken, Nieselregen verhindern das. Wir steigen über die Weideflächen hinab, dann wieder ein Stück steil bergauf zum Gipfelkamm des Monte Etra. Von dort haben wir einen Blick hinein in die Schlucht von Celano. Durch die Schlucht von Celano Heute morgen ist das Wetter traumhaft schön. Kurz hinter der Ortschaft Celano beginnt unsere Wanderung. Wenige Kilometer entfernt ist der Eingang zur Cole di Celano, dem berühmtesten und gewaltigsten Canon des zentralen Apennins. Hier hat das Flüsschen Foce in Millionen Jahren eine fünf Kilometer lange Schlucht gegraben. Die Schlucht ist nur dann begehbar, wenn kein Wasser fließt, denn mit Wasser wäre der Weg zu gefährlich. Die Schlucht ist beeindruckend: Dunkle, bis zu 100 Meter abfallende Felswände, die so eng sind, dass sie oben stellenweise miteinander zu verschmelzen scheinen. Die Schlucht liegt noch im Schatten, ein Licht wie in der Dämmerung. Ein mühsamer, steiler Weg, mehr als eine Stunde lang, führt aus der Schlucht hinaus in ein Hochtal, dem Prato d´Arano. Hier werden wir für unsere Mühen belohnt. Im Majella-Massiv Wir nehmen Abschied vom Hotel Piccola Selva und fahren nach Caramanino Terme, einem kleinen aber bekannten Kurbad. Hoch über dem Ort liegt unser Hotel del Parco Principe, ein halbrunder, rosaner Luxusbau, mitten in einer weitläufigen Parkanlage. Wir sind die einzigen Gäste, vielleicht auch die ersten. Marmorböden, grüne, lederne Sitzgarnituren, der Speisesaal ist für etwa 80 Personen gedeckt, wir sind aber nur etwas mehr als 30. Das Personal, steif und korrekt gekleidet, bemüht sich. Von Tag zu Tag erleben wir eine Steigerung, besonders bei Pasquale, dem bemitleidenswerten Ober. Er, in ein grünes Jackett gezwängt, schwarze Hose, weißes Hemd, schwarze Fliege. Pasquale bewegt sich pinguinhaft durch den Raum. Sein Job ist anscheinend neu für ihn und ungewohnt. Ständig kämpft er mit dem Schweiß auf seiner Stirn, seiner rutschenden Brille und den Säulen im Speisesaal, um die er sich mit vollen oder leeren Tellern herumwindet. Man hat den Eindruck sein Name hat mit Qual zu tun. Von Caramanico Terme aus unternehmen wir zwei herrliche Touren. Die eine führt uns über weite Bergwiesen über den Guado S.Antonio in das Valle Orfento, zum Ponte della Pietra und zur Einsiedelei des S.Onofrio. Über einen historischen Steig wandern wir steil hinab zum Ponte San Benedetto und zum Ponte del Vallone. Die Begegnung mit einer ausgewachsenen Orsini-Viper wird einem Teil der Gruppe sicher noch lange in Erinnerung bleiben. Am Orfento kühlen wir unsere heißgelaufenen Füße. Auf dem Gipfel Obwohl die Majella-Berge direkt vor unserem Hotel aufragen, müssen wir mehr als eine Stunde Busfahrt in Kauf nehmen um zum Ausgangspunkt unserer Bergtour zu gelangen, dem Passo Lanciano. Dafür sind wir aber schon auf über 2000 Meter Höhe. Wir genießen die Hochgebirgslandschaft. Durch Latschenfelder steigen wir zum Monte Blockhaus, weiter zum Monte Cavallo und zur Tavola dei Briganti (ca. 2100 m). Zwar ist es etwas diesig, aber wir haben trotzdem herrliche Ausblicke. Sogar tief unten unser Hotel ist sichtbar. Östlich in der Tiefe die Adria. Eine Gruppe von zehn Leuten macht sich gegen Mittag zum schweißtreibenden Aufstieg auf den Monto Focalone (2676 m): Latschenkiefern, Schnee- und Geröllfelder und dazwischen bunte Flecken von Steinbrech, Veilchen, Leberblümchen, Gemswurz. Nach ein bis zwei Stunden sind wir oben am Gipfel. Atemberaubend ist die Aussicht, steil fallen die Wände ab. Es ist kalt. Der Abstieg ist fast beschwerlicher als der Aufstieg. Doch wir sind glücklich, dort oben gewesen zu sein. Abschied von den Abruzzen Der letzte Tag führt uns zu einem Stadtbummel in die Geburtsstadt von Ovid, Sulmona, dann am Nachmittag zum Agriturismo a Tholos. Das Restaurant liegt fern ab von größeren Ortschaften. Hier ist noch mal die ganze Fahrkunst von Roswitha, unserer Busfahrerin gefragt. In einem herrlichen Ambiente, mit einem reichhaltigen, vielseitigen Essen, das aus Produkten des Hofes und der Region von Gabriele und seiner Frau Paola zubereitet wurde, nehmen wir dann Abschied von den Abruzzen. Abschied im Regen. Die Adria dann im Abendlicht. In der Poebene Mondschein. Beim Morgengrauen im Inntal. Am Alpenrand erwartet uns Sonnenschein. Und daheim viele gute Erinnerungen. *Reise in das wilde Herz Italiens. Die Begegnung von Kultur und Natur in den Abruzzen. 17. bis 25. Mai 2002
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