Wo der Hagel Menschen trifft
Text als PDF-Download von Engelbert Huber
(ein satirischer Kurzkrimi aus den Abruzzen in Umwandlung des Mottos "Wo die Ziege Feigen frisst") Geronimo Paruti war zurückgekehrt, zurück in seine abruzzesische Heimat im Maiellagebirge. Vor vierzig Jahren hatte er in den Sommermonaten Vater und Großvater auf die kräuterduftenden Sommerweiden oberhalb seines Geburtsortes Pennapiedimonte begleiten dürfen. Vater hatte ihm meist gestattet, die Schule zu schwänzen, denn das Hüten der Schafherden in der abruzzesischen Wildnis war ihm wichtiger als Einmaleins und ABC. In Vollmondnächten hielt der halbwüchsige Geronimo Wache, um die Herden vor den gierigen Fängen von Wolf und Luchs zu schützen. Doch das ist lange her. Auf einmal war es vorbei mit dem bukolischen Schäferleben. "Molto lavoro, niente soldi", hatte sein Vater zu ihm gesagt und sah keine Zukunft mehr in der Schäferei, wenn man eine Familie mit vielen Bambini durchbringen wollte. Auch als contadino und Mezzadriahalbpächter den kargen Boden zu bestellen war für Geronimo wenig attraktiv. So teilte er das Schicksal vieler anderer junger Männer aus den Bergdörfern Mittel- und Süditaliens und wanderte nach Amerika aus. Dort schlug er sich mehr recht als schlecht mit Gelegenheitsarbeiten durch, zuletzt als Pizzabäcker. Die Story vom Tellerwäscher, der sich zum Millionär hochdient, blieb für ihn ein Märchen voller bitterer Ironie. Nun war er wieder in seine Heimat zurückgekehrt, von Heimweh zerfressen, vom "American way of life" bitter enttäuscht und verbraucht. Doch seine Heimat hatte sich für ihn schmerzlich verändert. Die Wanderschäferei war in Auflösung begriffen, die meisten der kunstvoll aus Kalklesesteinen errichteten Capanne di pietro a secco (Feldsteinhäuser) oben auf den so herrlichen Sommerweiden, die nach Kindheit dufteten, waren zerfallen. Ein Nationalpark war entstanden, und die Naturschützer hatten es tatsächlich fertig gebracht, die Todfeinde der Schäfer, lupo (Wolf), orso (Bär) und lince (Luchs) wieder heimisch zu machen, nachdem sie ausgestorben schienen. Ökotouristen zogen ins Land, die in Freudenjauchzer ausbrechen, wenn sie auf Bär- oder Luchslosung stoßen, ja sogar Bärenscheiße im Dia festhalten. Geronimo war wütend auf diese fremden Eindringlinge, die von seiner Heimat Besitz ergreifen, ihr den Stempel des Fremden aufdrücken wollten. Dass sie die kostbaren Naturschätze der Abruzzen bewahren wollten , vermochte Geronimo nicht einzusehen. Er wollte Rache nehmen. Heute sah er seine Chance. Dank seiner Amerikanischkenntnisse erhielt er einen Aushilfsjob als Barkeeper im Vier-Sterne-Hotel La Réserve in Caramanico Terme. Eine Gruppe Ökotouristen logierte schon seit einigen Tagen im Hotel. Heute wollten sie den Aufstieg auf den 2737 m hohen Monte Aquaviva, dem zweithöchsten Berg der Maiella, wagen, eine Tour in alpine Höhenregionen oberhalb der Baum- und Latschengrenze. Wie das Wetter denn heute werde, fragte ihn der Reiseleiter, ein Tedesco, während Geronimo an der Espressomaschine hantierte. "Ho die é un bellissimo tempo, ideale per camminare al Monte Aquaviva (heute haben wir bestes Wetter, ideal für den Gipfelaufstieg)", behauptete Geronimo mit einem hinterhältigen Lächeln. Denn in Wirklichkeit hatte der Wetterbericht für den frühen Nachmittag temporale e grandine, Gewitter und Hagel, von ungewöhnlicher Heftigkeit angesagt und vor Bergtouren nachdrücklich gewarnt. "Buona giornata", hatte Jeronimo den Wanderern noch nachgerufen. Die Wandergruppe hatte kurz nach dem Sonnenhöchststand den steilen Grat unmittelbar unter dem Gipfel erreicht. Die Vorfreude war groß auf einen stärkenden Gipfeltrunk und auf die versprochene grandiose Aussicht. Dann setzte das Inferno ein, urplötzlich, nicht vorhersehbar für die Touristen, ein apokalyptisches Szenario. Von allen Seiten wurden die Wanderer von pechschwarzen, amboss-artigen Cumulusungetümen umzingelt, begleitet von Ohren betäubenden Donnerschlägen und einem Feuerwerk von Blitzen, die die Nebelschwaden für einen kurzen Wimpernschlag fahlgelb erhellten. Schon schickte sich die Gruppe zur Umkehr an. Man zerrte hastig Regenbekleidung aus den Rucksäcken, griff zu Schirm und Pudelmütze. Es war, als mengte sich Wasser mit Kalk, so prasselte die Sintflut auf die Anorakkapuzen. Faustgroße Hagelgeschosse folgten, die auf den Schädeln zerplatzten, so dass zwei der Männer besinnungslos zusammenbrachen und im steilen Verwitterungsschutt abwärts rollten und sogleich von nachgleitenden eozänen Kalktrümmern zusedimentiert wurden. Drei andere aus der Gruppe, die entsetzt den beiden Stürzenden nachgerufen hatten, durchfuhr ein Kugelblitz, der die Wanderstöcke aufschmelzen ließ. Ein Glutfaden glomm an den Drahtteilen der Schirme und löschte die Leben der Schirmhalter aus. Doch keiner aus der Gruppe sollte sich retten können, denn ein murenartiger Erd- und Schlammbrei toste vom Gipfel herab zu Tal und riss die letzten mit. Geronimo hatte mit dem Feldstecher hinaufgesehen und versuchte zwischen jagenden Wolkenfetzen etwas vom Gipfelkamm zu erspähen. Er war sich sicher, dass keiner überleben würde. Er hatte sich gründlich gerächt an den Bären-, Luchs- und Wolfsvermehrern. Keiner würde ihm seinen Anteil an Schuld nachweisen können. (Verfasst auf dem Wanderweg von Pennapiedimonte nach Caprafico am 17. Juni 2000) Anmerkungen zum Schreibanlass: Mitglieder der Reisegruppe* hatten mich gebeten, als kulturellen Beitrag für das Abschiedsfest auf dem Bauernhof von Giacomo Santoleri in Caprafico einen Kurzkrimi zu schreiben. Dazu habe ich Eindrücke, die wir auf dieser großartigen Reise gewonnen hatten, verarbeitet: Der Niedergang der Wanderschäferei (wie die aufgelassenen Feldsteinhäuser der Pratedonica eindrucksvoll gezeigt haben) sowie das hautnahe Ausgeliefertsein den Naturgewalten (Gewitter beim Aufstieg zum Monte Aquaviva) lieferten den "Rohstoff" für meinen satirischen Kurzkrimi über die Widerstände eines Einheimischen gegen den Ökotourismus in den Abruzzen. *Reise "La Majella, Il Sirente. Von Schafen und Wölfen in den Abruzzen" vom 9. bis 18. Juni 2000
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